Vor acht Jahren habe ich das erste Mal eine Jugendweihe miterlebt. Ich erinnere mich noch, wie fremd und pathetisch mir das Ganze damals vorkam. Besonders die beschwörende Formel von dem Blut, das die heldenhaften Sowjetsoldaten vergossen haben, um Deutschland vom Faschismus zu befreien, blieb mir im Gedächtnis.

Vor kurzem war ich wieder Gast bei einer Jugendweihe: Eine Verwandte war unter den vielen Jugendlichen. Für sie war es eine Zäsur: Sie wurde in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen, wechselte von den Pionieren zur FDJ. Bald würde sie den ersten Personalausweis bekommen. Anna war aufgeregt.

Wie damals vor acht Jahren machten die Jugendlichen ernste Gesichter, waren feingemacht, diesmal weniger mit weißen Blusen,. schwarzen Röcken und dunklen Anzügen, als mit Lederhosen, Anoraks und Pullover.

Fahnen der DDR und FDJ standen auf der Bühne. Fünfzig Musiker spielten die Wassermusik von Händel und die Hymne des Landes. Die Jugendlichen gelobten, was Jugendliche bei dieser Gelegenheit seit 35 Jahren in der DDR geloben: daß sie für die große und edle Sache des Sozialismus arbeiten, kämpfen und unentwegt lernen, den Sozialismus verteidigen und die Freundschaft zur Sowjetunion weiter vertiefen wollen. Sonst war von der Sowjetunion weniger die Rede als damals, auch das Blut der Soldaten blieb diesmal unerwähnt. Es war weniger pathetisch, doch der verbliebene Rest wirkte heute verlogener und überholter als vor acht Jahren. Als die Festrednerin pflichtschuldig ihr Pensum an DDR-Eigenlob absolvierte und abhakte, was an Großem bevorstand – der 40. Jahrestag der DDR, der 12. Parteitag –, grinsten sich manche der Zuhörer zu, wie bei einem Familientreffen, wenn Tante Frieda wieder mal ihre alten Kamellen erzählt, die alle längst kennen.

Zur Vorbereitung auf die Jugendweihe hatten die Vierzehnjährigen mit der Klasse die Gedenkstätte Sachsenhausen und das VEB Backwarenkombinat besucht. Vier Tage vor dem Fest war Generalprobe: Mit den Lehrern hatten sie geübt, in den Festsaal in genau festgelegter Reihenfolge einzumarschieren, klassenweise aufzustehen, auf die Bühne und zurück zu gehen, sich gemeinsam wieder hinzusetzen. Alles klappte. Nicht mal die ungewohnten Stöckelschuhe brachten die Mädchen ins Stolpern. Ein Junge aus Annas Klasse war einen Monat vor der Jugendweihe konfirmiert worden. Ein Mädchen war überhaupt nicht dabei – sie hatte sich nur konfirmieren lassen.

Auch zu Hause war das Fest von langer Hand vorbereitet worden. Anna, die Hauptdarstellerin, hatte sich von westdeutschen Freunden für den Festtag eine schwarze Hose gewünscht und bekommen, dazu einen fliederfarbenen Gürtel, zu dem wiederum die Applikation im T-Shirt paßte, das aus einem Ostberliner Exquisit-Geschäft stammte. Die schwarze Samtschleife fürs blonde, lange Haar sollte eigentlich bei den polnischen Händlern vorm Centrum-Warenhaus gekauft werden, aber die waren auf einmal nicht mehr da. Gottlob gab es die Schleife für Westgeld im Intershop.

Der Vater brauchte einen dunklen Anzug. Er ging wochenlang jeden Freitag in ein Geschäft, das an diesem Tag beliefert wurde. Beim sechsten Besuch fand er, was er suchte: einen dunkelgrauen mit Nadelstreifen.

Es war beschlossen worden, zu Hause zu essen. Das zarte Schweinefilet hatte ein Cousin besorgt. Die zwei Gläser Spargel und die Champignons waren das Jugendweihe-Geschenk der Nachbarin. Ansonsten hatte Anna Geld bekommen: 490 Mark Ost, 25 Mark West. Von der Oma war die Jeansjacke aus dem Exquisit, vom Onkel der kleine automatische Photoapparat aus der Sowjetunion, von Freunden der Eltern eine Armbanduhr aus dem Westen, vom zweiten Onkel ein Walkman, von einer Arbeitskollegin der Mutter zwei Frotteetücher. Mir hatte die Mutter gesagt, ich solle einen goldenen Ring schenken. Aber die Tochter hatte protestiert: „Was soll ich denn mit einem goldenen Ring? Alle andern kriegen Technik.“ Sie wollte das, was alle in dem Alter brauchen: einen Kassettenrecorder.