Von Bernhard Wördehoflf

Nie hat der Kalender nationaler Gedenktage den 18. Juni 1849 verzeichnet. Zu banal war das Ende der ersten Nationalversammlung, die den liberal verfaßten deutschen Nationalstaat schaffen wollte. Ihre 236. und letzte Sitzung hielt sie, als Torso eines Rumpfparlaments, an jenem Tage in einem Stuttgarter Gasthaus-Saal ab. Wie eine Prostituierte in der Schenke sei die deutsche Nationalversammlung geendet, befand der spanische Diplomat Donoso Cortes. Sein Wort ist gern kolportiert worden, vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. bis zum Staatsrechtler Carl Schmitt.

Dabei hatte, auf den Tag dreizehn Monate zuvor, alles so hoffnungsfroh begonnen. Als sich am 18. Mai 1848 die Volksvertreter in Frankfurt am Main zusammenfanden, hatte die Revolution bereits die Montur des Barrikadenkämpfers gegen den Bratenrock getauscht. Ein gar zu flinker Kleiderwechsel, aber man fühlte sich seiner Sache sicher, denn die März-Revolution, die Friedrich Wilhelm IV. ein Bekenntnis zu Schwarz-Rot-Gold ablegen ließ, hatte mit der Einberufung eines Vorparlaments nach Frankfurt und den Wahlen zur Nationalversammlung eindrucksvolle, vielleicht gar zu glatte Erfolge erzielt. Mag auch sein, daß der Revolutionshistoriker Veit Valentin recht gehabt hat, als er meinte: "Jedes Volk macht nun einmal die ihm angemessene Revolution", oder das Gutmütige an dieser deutschen Revolution mit der Ansicht begründete: "Revolutionen sind die individuellste Offenbarung der Volkspsyche."

Jedenfalls begann das große Vorhaben in festlicher Würde. Nach der Wahl eines Alterspräsidenten im Kaiser-Saal des Römers "setzten sich die deutschen Nationalvertreter in Bewegung, um in feierlichem Zuge mit entblößtem Haupte sich in die Paulskirche zu begeben". Ein imposantes Bild.

Mit der praktischen Arbeit ging es dann allerdings nicht so flott voran, wie sich bald zeigte.

Schon in der ersten Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung (Chefredakteur: Karl Marx) vom 1. Juni 1848 wetzte Friedrich Engels seine scharfe Feder an der "Frankfurter Versammlung" in einer Weise, welche die Hälfte der Aktionäre des Blattes ihre Einlagen zurückziehen ließ. Solche Töne liebten auch fortschrittliche Kölner Bürger nicht:

"Seit vierzehn Tagen besitzt Deutschland eine konstituierende Nationalversammlung, hervorgegangen aus der Wahl des gesamten deutschen Volkes...