Von Bernhard Wördehoflf

Nie hat der Kalender nationaler Gedenktage den 18. Juni 1849 verzeichnet. Zu banal war das Ende der ersten Nationalversammlung, die den liberal verfaßten deutschen Nationalstaat schaffen wollte. Ihre 236. und letzte Sitzung hielt sie, als Torso eines Rumpfparlaments, an jenem Tage in einem Stuttgarter Gasthaus-Saal ab. Wie eine Prostituierte in der Schenke sei die deutsche Nationalversammlung geendet, befand der spanische Diplomat Donoso Cortes. Sein Wort ist gern kolportiert worden, vom preußischen König Friedrich Wilhelm IV. bis zum Staatsrechtler Carl Schmitt.

Dabei hatte, auf den Tag dreizehn Monate zuvor, alles so hoffnungsfroh begonnen. Als sich am 18. Mai 1848 die Volksvertreter in Frankfurt am Main zusammenfanden, hatte die Revolution bereits die Montur des Barrikadenkämpfers gegen den Bratenrock getauscht. Ein gar zu flinker Kleiderwechsel, aber man fühlte sich seiner Sache sicher, denn die März-Revolution, die Friedrich Wilhelm IV. ein Bekenntnis zu Schwarz-Rot-Gold ablegen ließ, hatte mit der Einberufung eines Vorparlaments nach Frankfurt und den Wahlen zur Nationalversammlung eindrucksvolle, vielleicht gar zu glatte Erfolge erzielt. Mag auch sein, daß der Revolutionshistoriker Veit Valentin recht gehabt hat, als er meinte: "Jedes Volk macht nun einmal die ihm angemessene Revolution", oder das Gutmütige an dieser deutschen Revolution mit der Ansicht begründete: "Revolutionen sind die individuellste Offenbarung der Volkspsyche."

Jedenfalls begann das große Vorhaben in festlicher Würde. Nach der Wahl eines Alterspräsidenten im Kaiser-Saal des Römers "setzten sich die deutschen Nationalvertreter in Bewegung, um in feierlichem Zuge mit entblößtem Haupte sich in die Paulskirche zu begeben". Ein imposantes Bild.

Mit der praktischen Arbeit ging es dann allerdings nicht so flott voran, wie sich bald zeigte.

Schon in der ersten Ausgabe der Neuen Rheinischen Zeitung (Chefredakteur: Karl Marx) vom 1. Juni 1848 wetzte Friedrich Engels seine scharfe Feder an der "Frankfurter Versammlung" in einer Weise, welche die Hälfte der Aktionäre des Blattes ihre Einlagen zurückziehen ließ. Solche Töne liebten auch fortschrittliche Kölner Bürger nicht:

"Seit vierzehn Tagen besitzt Deutschland eine konstituierende Nationalversammlung, hervorgegangen aus der Wahl des gesamten deutschen Volkes...

Der erste Akt der Nationalversammlung mußte sein, diese Souveränetät des deutschen Volkes laut und öffentlich zu proklamieren.

Ihr zweiter Akt mußte sein, die deutsche Verfassung auf Grundlage der Volkssouveränetät auszuarbeiten und aus dem faktisch bestehenden Zustande Deutschlands alles zu entfernen, was dem Prinzip der Volkssouveränetät widersprach.

Während ihrer ganzen Session mußte sie die nötigen Maßregeln ergreifen, um alle Reaktionsversuche zu vereiteln...

Die deutsche Nationalversammlung hat nun schon ein Dutzend Sitzungen gehalten und hat von dem allen nichts getan.

Dafür aber hat sie das Heil Deutschlands durch folgende Großtaten sichergestellt: Die Nationalversammlung erkannte, daß sie ein Reglement haben müsse, denn sie wußte, wo zwei oder drei Deutsche zusammen sind, da müssen sie ein Reglement haben, sonst entscheiden die Schemelbeine. Nun hatte irgendein Schulmeister diesen Fall vorhergesehen und ein apartes Reglement für die hohe Versammlung entworfen ... denn was wäre aus den Vertretern Deutschlands geworden ohne Reglement? Fiat reglementum partout et toujours!"

Abgesehen davon, daß die Mehrheit in der Paulskirche nicht die Volkssouveränität, sondern die Souveränität der Nation in Übereinstimmung mit den Fürsten wollte, legte Engels den Finger in eine Wunde, die bis zur letzten Sitzung der Nationalversammlung offenbleiben sollte. Die Verfahrensdebatte nach der Geschäftsordnung hat unendlich viel Zeit der fleißigen Volksvertreter verschlungen. Der Ordnungsruf wurde, hintergründig gesehen, zum symbolischen Ersatz für die neue Ordnung, die man anstrebte, die dann jedoch schon bald in ihren Ansätzen von den Kräften der Gegenrevolution zunichte gemacht wurde, bevor noch die neue Verfassung vollendet war.

Denn als die Agonie der deutschen Nationalversammlung offenbar wurde, als sie nach ihrer 230. Sitzung die Paulskirche verließ und für sechs letzte Verhandlungstage nach Stuttgart umzog, war der Traum vom verfaßten deutschen Nationalstaat schon ausgeträumt.

Seit vorigem Sommer war viel geschehen. Im Bedürfnis nach einer Exekutive, die sie selbst nicht sein konnte, hatte sich die Nationalversammlung eine "provisorische Centralgewalt" in der Person des österreichischen Erzherzogs Johann als Reichsverweser zugelegt. Im Gegensatz zu seinem Reichsministerium blieb er der Nationalversammlung nicht verantwortlich. Das Ergebnis war, wie Veit Valentin resümierte, "daß man sich nun statt eines dienenden Organs einen unauswechselbaren Monarchen ohne Monarchie und Reichsminister ohne klare Kompetenz und ohne klares Reich, also die Lanzenspitze ohne den Schaft beschert hatte. Die provisorische Zentralgewalt sollte Deutschlands Ansehen nach außen wahren, seine Rüstungen befördern, die revolutionäre Bewegung beschwichtigen, die Einzelstaaten beruhigen, die Parteien in der Nationalversammlung zur einmütigen und beschleunigten Arbeit bringen. Sie hat das alles nur zum Teil und von manchem sogar das gerade Gegenteil getan."

Selbst für die militärische Lösung der national hochwichtigen Schleswig-Holstein-Frage hatte die Zentralgewalt nur Papiergewicht; sie war auf jene preußischen Truppen angewiesen, die für den Deutschen Bund schon unter Schwarz-Rot-Gold gegen Dänemark ins Feld gezogen waren. Als nun Berlin unter dem Druck der europäischen Großmächte in Malmö auf eigene Faust einen Waffenstillstand mit Kopenhagen schloß, wurde die faktische Ohnmacht Frankfurts vollends offenbar. Erst lehnte die Paulskirche zwar mannhaft das preußisch-dänische Arrangement ab, dann aber glaubte sie, elf Tage später den Realitäten ihren Tribut zollen und klein beigeben zu müssen.

Auf dem Fuße folgten die von der Geschichtsschreibung als September-Unruhen bezeichneten Ereignisse: Auf Anforderung der "Centralgewalt" rückten Soldaten Österreichs und jenes Preußens, das für das geeinte Schleswig-Holstein nicht mehr kämpfen wollte, zum Schutze der Paulskirche in Frankfurt ein. Hier wie auch andernorts war das Volk, das sich in seinem revolutionären Nationalgefühl von der Mehrheit der Umfaller in der Paulskirche verraten wähnte, demonstrierend auf die Straße gegangen. Barrikaden wurden errichtet, rote Bahnen aufgepflanzt, der Straßenkampf entbrannte. Abseits davon wurden zwei Abgeordnete der Rechten von einem fanatisierten Haufen ermordet. Der ungleiche Kampf endete rasch.

Die Reichsgewalten sahen sich durch diesen Sieg der entlehnten Soldaten legitimiert, die Mehrheit der Paulskirche hatte zwei Märtyrer. Man verkannte in Frankfurt zweierlei: Dieser Sieg kam den alten Mächten zugute, die den Hervorbringungen der Paulskirche feindlich gegenüberstanden und nun zur Gegenrevolution antreten sollten; die Barrikadenkämpfer aber waren für jene Revolution angetreten, deren Werk die Nationalversammlung war.

Erst in der 99. Sitzung am 19. Oktober 1848 begann das Plenum mit den Beratungen über die Reichsverfassung; es war dieselbe Sitzung, in welcher der Nationalversammlung der Antrag vorlag, eine Abordnung von Reichskommissaren nach Wien zu schicken, um dort den Bürgerkrieg abzuwehren. Im Wettlauf mit der Zeit geriet die Nationalversammlung nun offen ins Hintertreffen.

Trotz seiner Immunität wurde der "Reichskommissar" und Leipziger Abgeordnete Robert Blum Anfang November in Wien standrechtlich erschossen, nachdem kaiserliche Truppen den Aufstand in der Hauptstadt blutig niedergeschlagen hatten. Damit nahm die österreichische Gegenrevolution faktisch den Abschied vom großdeutschen Nationalstaat vorweg, den sie dann wenige Monate später durch Oktroyierung einer Verfassung für den habsburgischen Vielvölkerstaat auch rechtlich besiegelte.

Die andere deutsche Großmacht, Preußen, zögerte nun auch nicht mehr lange mit ihrer Absage an einen kleindeutschen Nationalstaat ohne Österreich. Im März wies Friedrich Wilhelm IV. die ihm von der Paulskirche angetragene erbliche Kaiserkrone zurück. Heinrich von Gagern, erster Präsident der Versammlung, der die erbkaiserlichen Kleindeutschen anführte, versuchte vergeblich, doch noch Preußen für seine Pläne zu gewinnen. Immerhin konnte er die Anerkennung der Reichsverfassung und der Erbkaiserwahl durch 28 deutsche Staaten präsentieren. Es fehlten darunter aber (neben Österreich und Preußen) die Königreiche Bayern, Hannover und Sachsen.

Preußische Truppen rückten vielmehr auf ein Hilfsersuchen des sächsischen Königs in Dresden ein und schlugen die Erhebung für die Reichsverfassung nieder. Heinrich von Gagern und weitere 75 Abgeordnete traten nun aus der Nationalversammlung aus; der anhaltende Exodus vereinzelter Abgeordneter wurde damit zu einem breiten Strom. Die Neue Rheinische Zeitung hat diesen Zerfall der Paulskirche nicht mehr kommentieren können. Friedrich Engels’ späterer Bericht über das Ende des Blattes wirft jedoch ein Schlaglicht auf die reale Situation in jenen Tagen:

"Endlich am 18. Mai 1849 kam der Schlag. Der Aufstand in Dresden und Elberfeld war unterdrückt, der in Iserlohn umzingelt, die Rheinprovinz und Westfalen starrten von Bajonetten, die nach vollendeter Vergewaltigung der preußischen Rheinlande gegen die Pfalz und Baden zu marschieren bestimmt waren. Da endlich wagte die Regierung, uns auf den Leib zu rücken. Die eine Hälfte der Redakteure war unter gerichtlicher Verfolgung, die andere als Nichtpreußen ausweisbar. Dagegen war nichts zu machen ..." Auch nicht mit dem Artikel 4 des Gesetzes über die Grundrechte des deutschen Volkes, der eine weitgehende Pressefreiheit verbürgte. Aber Preußen hatte sich dem Verfassungswerk ja verweigert.

Die 230. Sitzung der deutschen Nationalversammlung am 30. Mai 1849 ist die letzte, für die der stenographische Bericht als "Sitzungslocal: Paulskirche" vermerkt. Unschätzbar, daß Franz Xaver Gabelsbergers kursive Kurzschrift der Nachwelt die Lektüre der Wortprotokolle sämtlicher Sitzungen des ersten deutschen Parlaments ermöglicht hat (der vielseitige bayerische Kanzleibeamte hat diese Früchte seiner Erfindung nicht mehr zur Kenntnis nehmen können; er war Anfang des Jahres gestorben). So kennen wir auch den Wortlaut des dringlichen Antrags des Abgeordneten Vogt aus Gießen, der die Abgeordneten fast vier Stunden lang in einer kontroversen Debatte beschäftigen wird:

"Die Nationalversammlung beschließt: Die nächste Sitzung der Nationalversammlung findet im Laufe der nächsten Woche auf Einladung des Bureau’s in Stuttgart statt. Das Bureau hat sofort durch einen Aufruf sämmtliche abwesende Mitglieder, sowie die Stellvertreter der Ausgeschiedenen bis zum 4. Juni nach Stuttgart einzuberufen. Die Centralgewalt wird in Gemäßheit und zur Ausführung des Artikels 10 des Gesetzes vom 28. Juni 1848 aufgefordert, sich ungesäumt nach Stuttgart zu begeben ..."

Frankfurt war für die Nationalversammlung ein unsicheres Pflaster geworden. Seit dem von Gagern angeführten Massenaustritt ist die "Transferirung" der Volksvertretung Stadtgespräch. Der Abgeordnete Vogt nennt nun auch im Hohen Hause ungeschminkt die Gründe dafür: "Daß wir hier mit einer Centralgewalt, welche die Verfassung nicht ausführen will, mitten zwischen verfassungsfeindlichen Truppen sitzen, das ist das Hauptmotiv." 60 000 Mann preußischer Truppen sollen, so berichtet der Abgeordnete Hagen aus Heidelberg, um Frankfurt herum zusammengezogen werden. Glaubhaft; der Abgeordnete Wolf aus Breslau begründet sein Fehlen in der gestrigen Sitzung, "weil ich wegen des Transports von preußischen Croaten per Dampfschiff nicht hieher gelangen konnte".

Fast ist die Paulskirche nun auch zu groß geworden für den verbliebenen Rest des ersten deutschen Nationalparlaments. In der vorletzten Frankfurter Sitzung werden nur noch 157 anwesende Volksvertreter gezählt; von den 138 abwesenden sind 91 ohne Entschuldigung ferngeblieben. Die Beschlußfähigkeit war bereits von 150 auf 100 Abgeordnete herabgesetzt worden.

Ist diese Nationalversammlung damit überhaupt noch legal? Das wird nicht bestritten, auch nicht vom Abgeordneten Römer, der als Staatsminister die württembergische Regierung führt und die Nationalversammlung informell ermuntert, nach Stuttgart umzuziehen. Aber ist ihr Häuflein Unverzagter auch noch repräsentativ, könnte sie es bei einer Verlegung bleiben – oder wieder werden? Den Beschluß, die Frankfurter Paulskirche zu verlassen, machen sich die Abgeordneten nicht leicht. Der Streit darüber wird fast ausschließlich unter Süddeutschen ausgetragen.

Die Befürworter einer Verlegung verweisen nicht allein auf die bedrohliche militärische Zernierung Frankfurts durch preußisches Militär, das schon in Sachsen der Gegenrevolution zum Siege verholfen hatte. Da ist auch der Reichsverweser, der an einem Reichsministerium festhält, dem am 18. Mai von der Volksvertretung das Vertrauen entzogen worden war.

Erzherzog Johann selber hat dieses Vertrauen nicht mehr. Er will die Annahme der Reichsverfassung "nur durch moralische persuasive Mittel befördert wissen". Die Nationalversammlung will an seiner Stelle fünf Abgeordnete als Reichsregenten einsetzen, bis ein Reichsoberhaupt gewählt werden kann.

Warum aber ausgerechnet die Verlegung nach Stuttgart? Die württembergische März-Regierung hat die Anerkennung der Reichsverfassung gegen König Wilhelm durchgesetzt. Der Abgeordnete Schoder aus Stuttgart plädiert deshalb für den Umzug: "Weil wir, wenn wir für die Durchführung der Verfassung etwas thun wollen, gerade dort eine organisirte Macht antreffen, mit welcher wir in Verbindung mit anderen Staaten, welche gleichfalls im Sinne der Reichsverfassung zu wirken erklärt haben, unsere Beschlüsse durchzusetzen im Stande sind. Ich fürchte keinen Augenblick, daß die würtembergische Regierung uns ihre Unterstützung entziehen werde, wenn wir nach Stuttgart gehen; ich sage es Ihnen ehrlich, wenn sie auch wollte, sie könnte es nicht; die Minister, welche an der Spitze der Regierung stehen, können es ihrer politischen Ehre halber nicht; sie haben bisher erklärt, daß sie die Beschlüsse der Nationalversammlung anerkennen ..."

Premierminister Römer, selber Abgeordneter der Paulskirche für Stuttgart, fehlt in dieser letzten Frankfurter Sitzung entschuldigt. Er hat sich daheim zwischen alle Stühle gesetzt. König Wilhelm, dem er im April die Anerkennung der Reichsverfassung abgerungen hat, läßt ihm am selben Tage einen dicken Rüffel zukommen, "daß ich es auf das Äußerste ankommen lassen werde und die Folgen, welche für unser Vaterland daraus entstehen werden, auf Sie und die Minister hiermit ausspreche". Auch der gepflegte Kanzleistil gerät in solcher Situation aus den Fugen.

Römer hat die Übersiedlung der Nationalversammlung nach Stuttgart gewollt. Dahinter stand die kühne Vorstellung, König Wilhelm zum Mittelpunkt eines Deutschlands (der Staaten, welche die Reichsverfassung anerkannt hatten) zu machen, das sich als unabhängiger Körper gegen die beiden deutschen Großmächte und Bayern werde durchsetzen können: der Traum vom dritten Deutschland.

Der König will die Übersiedlung der Nationalversammlung allenfalls gestatten, wenn Reichsverweser und Reichsministerium mitkommen: "Römer ist in peinlichster Verlegenheit; alles, was er von einer Verbindung des Frankfurter Rumpfparlaments mit der württembergischen Regierung erwartet hat, zergeht im Nebel. Die Volkspartei sieht schon jetzt in ihm einen Verräter, aber auch der König hat nicht das geringste Vertrauen zu ihm...", schreibt Veit Valentin in seiner "Geschichte der deutschen Revolution".

Gewichtige Gründe sprechen gegen den Fortzug von Frankfurt. Der Abgeordnete Gförer aus Freiburg befürchtet: "Gehen wir weg von diesem Orte, so wird, so muß sich der Charakter unserer Versammlung bedeutend ändern. Um nur eines zu berühren, so wissen Sie selbst, daß, wenn die Verlegung stattfinden sollte, sich unfehlbar die Trümmer der Rechten von der Linken scheiden werden. Ich bin der Meinung, die Rechte und die Linke seien unauflößlich mit einander verheirathet. Keine dieser beiden Parteien kann ohne die andere bestehen. Gehen sie nach Stuttgart, so werden Sie sehen, was daraus entsteht. Aus diesen Gründen protestire ich als Deutscher gegen die Verlegung nach Stuttgart."

Gförer wird dann auch in Stuttgart nicht mehr dabeisein, anders als der Dichter Ludwig Uhland, Abgeordneter aus Tübingen. Er sieht als Folge einer Verlegung den großen Riß zwischen dem Norden und Süden Deutschlands aufklaffen: "Ich weiß wohl, die beantragte Verlegung hat nur den Zweck einer Schwenkung, um von Süden aus den Norden für die Verfassung zu erobern, aber es gemahnt mich, meine Herren, wir würden die Schwenkung machen, die Eroberung machen wir nicht."

Uhland sieht mit der Übersiedlung eine weitere Schrumpfung des klein gewordenen Parlaments voraus: "... es möchten deren nicht Wenige sein, in denen sich die Vorstellung bilden würde, es werde das deutsche Parlament, wenn es sich von hier zurückzieht, sich in einen süddeutschen, die süddeutsche Bewegung nicht leitenden, sondern von ihr beherrschten und bewältigten Winkelconvent verwandeln."

In der Abstimmung unterliegt Uhland mit 63 anderen Abgeordneten. 71 Volksvertreter wollen die Verlegung nach Stuttgart. Zum Abschluß der letzten Sitzung in der Paulskirche erklärt Präsident Reh deshalb den Austritt.

Über den Abschied von der Paulskirche ist in den stenographischen Berichten der Nationalversammlung nichts nachzulesen, er wird ohne jeden Pomp vollzogen worden sein. Dafür scheint der Empfang in Stuttgart verheißungsvoll; er läßt nicht erkennen, daß die Karten dort schon neu gemischt worden sind, ohne Trumpf für die Nationalversammlung.

Das Protokoll der 231. Sitzung am Mittwoch, dem 6. Juni 1849, vermerkt als "Sitzungslocal: Saal der würtembergischen Kammer der Abgeordneten" und registriert in einer vorangestellten Notiz: "Der vom Präsidium getroffenen Anordnung gemäß fanden sich am 6. Juni, Vormittags 9 Uhr, die Mitglieder der Reichsversammlung auf dem Rathhause der Stadt Stuttgart ein, wo sie sich im feierlichen Zuge durch ein von der Stuttgarter Bürgerwehr gebildetes Spalier, von dem lebhaften Hochrufe der Bürgerwehr und des Volkes begleitet, in ihr Sitzungslocal, den Saal der würtembergischen Kammer der Abgeordneten, begaben."

Der Empfang in Stuttgart, ganz nach dem Muster von Frankfurt keine dreizehn Monate zuvor, sollte täuschen. Des Präsidenten Löwe von Calbes Eröffnungsrede an die Adresse von nur noch 104 Abgeordneten als "große Versammlung ... zwar klein an Zahl geworden..., aber in deren Schooße immer noch die Schicksale des größten Volks der Erde liegen ...", sie klang ein wenig nach dem Pfeifen des einsamen Wanderers im dunklen Walde, der Dank an den "edlen Volksstamm von Würtemberg" und seine Regierung für die Gastfreundschaft wie eine Beschwörung.

Nur drei Sitzungen sollten in der württembergischen Abgeordnetenkammer stattfinden können. Aber diese verliefen geschäfts- wie geschäftsordnungsmäßig. Nur der Ton des Rumpfparlaments wird nun trotzig-schrill. Das von den Regierungen der Königreiche Preußen, Sachsen und Hannover verkündete Wahlgesetz für den nächsten Reichstag wird kurzerhand für null und nichtig erklärt: "Jeder Versuch, solches in Deutschland zur Anwendung bringen zu lassen, ist als Hochverrath gegen die souveraine deutsche Nation zu betrachten."

Das Hauptthema ist die Einsetzung einer Reichsregentschaft aus fünf Abgeordneten, um die Verfassung durchzusetzen, ihr Geltung zu verschaffen. Ist der Nationalversammlung jeglicher Realitätssinn abhanden gekommen? Zuspruch für ihre Beschlüsse erfährt sie in erklecklichem Umfange aus der Bevölkerung von nah und fern. Typisch jener des Stuttgarter Volksvereins, der in der 233. Sitzung am 8. Juni mit Beifall quittiert wird: "... Das Volk in Schwaben weiß, welcher Fahne es zu folgen hat in dem jetzigen Kampfe zwischen Freiheit und Absolutismus, zwischen Deutschland und preußischer Alleinherrschaft, auch wenn es sich zur Stunde der Gefahr verlassen sieht von Männern, welche einst seine Führer im Kampfe für die Freiheit waren. Nur Schwächlinge werden ihre Angst vor der Militärmacht Preußens mit Zweifeln an der Zuständigkeit der Nationalversammlung zu beschönigen suchen ..."

Oder der Volksverein von Winnenden, der den Volksvertretern zuruft: "Seid muthig in Euren Beschlüssen, und ordnet da, wo es geht, die Volksheere; höret nicht auf die zitternden Gestalten Eurer Mitverpflichteten, und wenn’s Euch an den Hunderten fehlen sollte, so beschließet noch einmal noch weniger Mitglieder, um Beschlüsse fassen zu können ..."

Doch Volksheere sind nicht aus dem Boden zu stampfen, und der Unterstellungsbefehl der Reichsregentschaft für 5000 Mann württembergischer Truppen, die Rastatt und Landau gegen den preußischen Anmarsch schützen sollen, führt zum endgültigen Bruch zwischen Nationalversammlung und Stuttgarter Regierung, die sich damit dem wachsenden Druck von außen entziehen kann.

Denn schon droht Preußen durch seinen Gesandten mit dem Abbruch der Beziehungen und "geeigneten Maßregeln", und Fürst Wittgenstein, neuer. Reichsministerpräsident des noch immer in Frankfurt residierenden, nach dem Willen der Nationalversammlung amtlich gar nicht mehr existenten Reichsverwesers, hat die Verlegung des Parlaments nach Stuttgart und die Einsetzung der Reichsregentschaft für gesetzwidrig erklärt.

Nun sperrt Staatsminister Römer der Nationalversammlung den Sitzungssaal und fordert die Reichsregentschaft wegen Revolutionsgefahr im Interesse der Selbsterhaltung auf, ihren Sitz von Stuttgart ohne Verzug in ein anderes Land zu verlegen. Die Reichsregentschaft beharrt darauf, Württemberg solle alle seine Truppen aufbieten, sich offen der gesetzlichen Reichsgewalt anschließen; diese müsse ihren Sitz am Orte der Nationalversammlung haben. Diese weicht derweil in die Kolbsche Gaststätte aus.

Sonnabend, 16. Juni 1849, nachmittags 3 Uhr: Es beginnt die 235. Sitzung der "deutschen constituirenden National-Versammlung zu Stuttgart" im Saal des Fritzeschen Reithauses. In dieser Sitzung bringt die Reichsregentschaft ein Volkswehr-Gesetz zur Rettung des Vaterlandes ein. Noch einmal entbrennt eine parlamentarische Debatte auf hohem Niveau. Zwei Literaten, Abgeordnete aus Tübingen, versuchen, die riesige Lücke zwischen dem politischen Willen der Nationalversammlung und ihren Möglichkeiten auszuleuchten.

Friedrich Theodor Vischer mahnt: "Diese Versammlung ist mir in diesen Tagen oft erschienen, wie der ehrwürdige königliche Greis, der obdachlos und baaren Hauptes in der Sturmnacht umherirrt, verstoßen von Töchtern, denen er Kronen geschenkt hat. Wir gleichen ihm in seinem Schicksale, aber gleichen wir ihm wenigstens in Einem nicht. Übersehen wir mit klarem, nüchternen Blick, was wir können und nicht können!"

Und Ludwig Uhland: "Diese Versammlung ist formell die Nationalversammlung, wie sie immer war, aber in der Wirklichkeit müssen Sie sich sagen, daß sie nur noch eine jener Parteiungen in sich darstellt. Auf diese Weise werden Sie, wenn dieses Gesetz in das Land hinausgeschleudert wird, den innern Kampf hervorrufen, und dadurch Würtemberg unkräftig machen, nach Außen dazustehen."

Leidenschaftlich hält der Abgeordnete Moritz Mohl aus Stuttgart Gericht über die vergangenen dreizehn Monate: "... nachdem 600 Vertreter des gesammten deutschen Volkes zusammengetreten sind, nachdem sie mit namenloser Mäßigung, mit derselben Mäßigung, mit welcher das deutsche Volk im März vor den Thronen stehen geblieben ist, ja mit noch größerer Mäßigung, mit einer Mäßigung, die bis zur Schwäche ging, eine Verfassung aufgestellt hatten, nachdem sie einem der mächtigsten deutschen Fürsten die Krone Deutschlands dargebracht hatten, nun was ist geschehen? Man hat dem deutschen Volke, vor welchem man ein Jahr vorher im Staube gekrochen ist, die Krone ins Gesicht geworfen. Man hat gewagt, die von den Vertretern der Nation beschlossene Verfassung zu verwerfen. Man erfrecht sich, dem deutschen Volke eine andere Verfassung von Oben herunter aufdringen zu wollen, und man hat zugleich seine 400 000 Bajonette aufgestellt, um das deutsche Volk zum Dank für seine Großmuth mit Krieg zu überziehen. Ich frage, ob je eine solche sittliche Verworfenheit in der Geschichte erhört worden ist..."

Für die Nationalversammlung soll es noch schlimmer kommen: Das Reithaus samt Umgebung wird von Truppen besetzt, der Saal auf Anordnung der Regierung zertrümmert. Demonstrierende Abgeordnete, an der Spitze Präsident Löwe und Uhland, werden aufgehalten, ihr Protest geht jedesmal, wenn sie dazu ansetzen, im sogleich befohlenen Trommelwirbel unter. Dann wird der Demonstrationszug von Dragonern auseinandergesprengt. Wilhelm von Merckels Preußenvers bewährt sich nun auch im liberalen Stuttgart: "Gegen Demokraten helfen nur Soldaten."

Das "hochverrätherische Attentat" wird dem Rest der Nationalversammlung alsbald im Saal des Hotels Marquardt mitgeteilt. Das Protokoll registriert die 236., die letzte Sitzung der Nationalversammlung am 18. Juni 1849. Zur Kenntnis genommen wird ferner ein langer Brief des Staatsministers Römer, ein Gemisch aus Rechtfertigung, schlechtem Gewissen, spöttischer Klage über den geschwundenen Realitätssinn seiner ehemaligen Kollegen; sowie ein Aufruf der Reichsregentschaft: "Zu den Waffen, deutsches Volk! Es gilt den heiligen Kampf für unsere Freiheit gegen schamlose Unterdrückung. Zeige der Welt, daß dem Herz groß, wie dein Geist; – zeige, daß das Herz Europa’s, das man erstorben wähnte, noch in Begeisterung schlage für die Freiheit."

Stürmisches Bravo, vor allem aber: Was wird aus der Nationalversammlung selbst? Wie weitermachen? Der Abg. Temme unterstützt den Antrag, "daß wir nämlich unsere trauliche Sitzung sofort in eine öffentliche verwandeln. Ich glaube, wir müssen es thun; aber bevor wir es thun, müssen wir erst klar sein, was wir in der öffentlichen Sitzung thun wollen." Abg. Damm: "Es ist ganz vergebens zu sagen, wir wollen eine öffentliche Sitzung halten, wenn keine Zuhörer da sind." Abg. Wöhler: "Ich glaube, die Sitzung kann öffentlich werden, wenn die Journalisten Zutritt erhalten." Beschluß: Die Sitzung ist öffentlich.

Aber ist man überhaupt beschlußfähig? Abg. Mez: "Es graut mir vor diesem Namens-Aufruf; ich glaube, wir sind nicht mehr beschlußfähig. Ich halte nicht für nöthig, daß wir in aller Form eine öffentliche Sitzung halten; wir besprechen unsere Angelegenheit in einer vertraulichen, und veröffentlichen im Wege der Journalistik davon, was wir wollen." Abg. Temme: "Wir sind in einer öffentlichen Sitzung, in einem solchen Augenblick halte ich es für nöthig, daß wir vor Allem den gesetzlichen Boden festhalten."

So geschieht es, aber es sind nur noch 94 Abgeordnete da, sechs unter dem Quorum der Beschlußfähigkeit. Also wird nichts beschlossen, sondern nur beraten. Zum Beispiel, wohin die Nationalversammlung gehen soll, da in Stuttgart Verhaftung und Ausweisung drohen. Abg. Damm schlägt Baden-Baden vor: "Wir sind dort im Stande, den schönsten Saal zu bekommen, den es auf deutscher Erde gibt. Dort sind wir geschützt vor dem Reichsfeinde." Die Nationalversammlung auf der Flucht. Das Ziel wird schließlich dem Präsidenten überlassen, der jeden einzelnen "auf seine Ehre" verpflichtet, noch einige Tage in Stuttgart zu bleiben.

Aber wo kann man hierorts zusammenkommen zu freundschaftlichem Nachrichtenaustausch? Die Ortskundigen beraten: Wie wäre es mit dem Lokal von Paul Kolb vor dem Tübinger Tor, fragt Abg. Rödinger. Kollege Fetzer sieht das zu weit entfernt, zumal für die in Cannstatt wohnenden Abgeordneten. Bei Emil Werner könne man den Saal haben, sagt er. Warum nicht hier, im Hotel Marquardt, fragt der weniger ortskundige Präsident. Abg. Rödinger: "Hier ist um 1 Uhr und wieder um 4 Uhr Tisch. Das Local von Werner wäre daher zweckmäßiger."

Das wird akzeptiert, und so lautet der abschließende, getreulich protokollierte Wortbeitrag in der 236. und letzten Sitzung der deutschen Nationalversammlung am 18. Juni 1849 sechs Uhr nachmittags vom Vizepräsidenten Schoder: "Es liegt kein Antrag weiter vor, und ich ersuche daher die anwesenden Mitglieder, morgen Nachmittag um vier Uhr sich in dem Locale des Herrn Werner einzufinden. Die Sitzung ist geschlossen."

Das Ende vom Lied. Zu der von Präsident Löwe für den 25. Juni nach Karlsruhe einberufenen Sitzung kommt es nicht mehr. Der Epilog zum Trauerspiel wird eingeleitet mit der sofort einsetzenden Verfolgung der Mitglieder des Rumpfparlaments. Preußen will sogar die Stenographen der deutschen Nationalversammlung namhaft gemacht wissen.

"Diese deutsche Volksbewegung von 1848 sollte siegen auf eine milde Art. Die Revolution hatte in Metternich nur einen Verbrecher gesehen; die Gegenrevolution brandmarkte eine ganze soziale Schicht zu Verbrechern", schreibt Veit Valentin. Daß die Revolution von 1848 gleichwohl nicht als gescheitert anzusehen ist, verdankt sie dem Werk der Nationalversammlung. Es wird heute nicht mehr bestritten, was der Historiker Hans-Ulrich Wehler resümiert hat, "daß die Reichsverfassung von 1849 zusammen mit dem Reichswahlgesetz einen Fundus von Verfassungsmaximen, Grundrechten und weitschauenden politischen Entscheidungen enthielt, auf den die deutsche Politik ein Jahrhundert lang immer wieder zurückgreifen konnte. Ähnlich hat der 1848/49 ausgeführte Grundriß der allgemeinen Staatsbürgerschaft viel von seiner Verbindlichkeit behalten."

Zumal die Bundesbürger können sich im vierzigsten Jahr ihrer Republik als Urenkel einer Revolution erkennen, die vor 140 Jahren in der Agonie des Kampfes des ersten nationalen Parlaments der Deutschen für die Reichsverfassung und ihren Grundwerte-Katalog so schmählich endete.