ARD, Montag, 12. Juni, zum letzten Mal: "Reporter"

Daß die Wirklichkeit eines Reporterlebens keineswegs aus lauter Krimistoff bestehe und der Sonderkorrespondent ja oft nicht weiterkomme als bis zum Archiv – das war die Quintessenz der Kritik, auf welche die "Reporter"-Serie des WDR nach ihrem Start vor neun Wochen stieß. Man übertreibt im Interesse der Unterhaltung, aber so viel Feindberührung, wie Photograph Piwi (Walter Kreye) und "Feder" Azade Celik (Renan Demirkan) pro Folge bestanden, das schien dann doch den Rahmen der Wahrscheinlichkeit zu sprengen. Recherchiert wurde statt mit Brille und Bleistift gleich mit dem Dietrich.

Er habe darauf bestaiden, sagte Hitchcock, daß die Wirklichkeit in seinen Filmen niemals ihr häßlicies Haupt erhebe. Ein Haupt, das sich mit Grazie und mit Gewalt verhüllen läßt. Im Falle der "Reporter" geschah es mit Grazie.

Aber die Frage nach dem Realismus ist niemals nur eine ästhetische, es geht stets auch um die Wahrheit. Wenn der Mangel an Wirklichkeitsnähe Wirklichkeit näherbringt, ist er gerechtfertigt. Die "Reporter" fanden durch schlichtes Befragen oder Nachschlagen nicht heraus, was geschehen war, sie mußten streiten, fighten, tricksen, um sich schlagen. Abgesehen davon, daß es unterhaltsamer ist, jemandem beim Einbrechen statt beim Lesen zuzuschauen, ist es die Wahrheit selbst, die immer wieder verlangt, daß einer sie gegen den Augenschein freikämpft. Das war die Botschaft dieser Serie: Die Wahrheit ist konstitutionell verborgen. Wer sie vermelden will, muß damit rechnen, daß es gefährlich wird. Je nach Courage kneift er oder nimmt den Handschuh auf. Ein Fernsehheld nimmt den Handschuh auf.

Aber was tun die Helden beim Fernsehen, die Reporter dieses unseres liebsten Mediums? Sie lassen den Handschuh gern liegen. Piwi und Azade stehen im Sold eines Printmediums, eines illustrierten Magazins. Sie arbeiten mit Worten und Photos, wobei die Photos die verbale Beweisführung veranschaulichen. Praktisch verteidigen sie das alte Journalisten-Ethos, dem die Wahrheit nicht teuer genug sein kann, gegen den Schwindel von Hofberichterstattung und Null-Meldung, den vorzugsweise das Bild-Medium Fernsehen anbietet. Nach der Devise "Lieber Hintertreppen- als Verlautbarungsjournalismus" stürzen sie sich in das vieldeutige Gewimmel der Wirklichkeit, um Spuren zu sichern – ein Ehrgeiz, der beim Fernsehen, wo die Überredungskunst der Bilder dafür sorgt, daß alles wohlgeordnet aussieht, überflüssig scheint. Das Bild bestätigt, was es zeigt, weshalb der Minister dann auch nichts mehr sagt. Das Wort muß seine Welt erst bauen, es braucht dafür an Material die Hintergründe. Deshalb ist der berühmte Investigationsjournalismus bei der Zeitung eher zu finden als beim Fernsehen. Ob das so sein muß?

Spätestens seit "Das Fenster zum Hof" wissen wir, daß das Auge einer Kamera sich detektivischen Ambitionen nicht verschließt. Auch das bewegte Bild kann aufklären. Es liegt weniger an der Technik als an der Moral. Und daß die gar so tief nicht steht, beweisen die "Reporter", die schließlich eine Produktion des Fernsehens sind. Jetzt müssen es nur noch die politischen Redaktionen begreifen: daß die Wirklichkeit ein Krimistoff ist und der Hintergrund konstitutionell verborgen.

Barbara Sichtermann