Mitglieder der internationalen banking Community sind im allgemeinen sturmerprobte Gesellen. Sie handeln mit Milliarden wie andere mit Kartoffeln und bleiben doch gelassen dabei. Aber so mancher von ihnen verlor in den vergangenen Monaten doch des öfteren seine Contenance, wenn er sah, was um ihn herum geschah. Denn die gewieften Schuldenmanager der internationalen Großbanken werden seit einiger Zeit mit Entwicklungen konfrontiert, die scheinbar felsenfeste Überzeugungen über den Haufen zu werfen drohen.

Gerade ein Jahr ist es her, da sprach zum Beispiel der Präsident der New Yorker Zentralbank, Gerald Corrigan, vor hochrangigen Bankmanagern von der Illusion, daß ein irgendwie gearteter Schuldenerlaß der Gläubigerbanken den hochverschuldeten Staaten der Dritten Welt helfen könnte. Auf diesem schlüpfrigen Pfad müsse man unweigerlich ausrutschen, dies sei die größte Gefahr für die Stabilität des internationalen Finanzsystems.

Damit sprach er seinen Zuhörern aus der Seele. Wenn bei ihnen etwas zählte, dann war es die sogenannte Baker-Doktrin. 1985 hatte der damalige amerikanische Finanzminister James Baker einen Plan vorgelegt, mit dem den fünfzehn am höchsten verschuldeten Staaten geholfen werden sollte. Seine Grundidee: Mit neuen Krediten und tatkräftiger Hilfe von Währungsfonds und Weltbank sollte die Wirtschaft in diesen Ländern angekurbelt werden, sie sollten so gewissermaßen aus ihren Schuldenproblemen herauswachsen. Wer viel verdient, so Bakers Credo, kann auch mehr Schulden haben. Das Reizwort Schuldenerlaß kam in diesem Plan verständlicherweise nicht vor.

Nur wenige Monate nach Corrigans Rede, im März dieses Jahres, nahm es aber der neue amerikanische Finanzminister Nicholas Brady in den Mund. Auf einer Tagung des Bretton Woods Committees zur Schuldenkrise der Dritten Welt forderte er eine neue Strategie für die Bewältigung der Schuldenprobleme. Nicht mehr, sondern weniger Schulden müßten das Ergebnis der Verhandlungen zwischen Gläubigern und ihren Kreditnehmern in der Dritten Welt sein.

Das war, zumindest nach Meinung des überwiegenden Teils der internationalen banking Community, eine ungeheuerliche Wendung. Brady avancierte mit dieser Rede für sie zum Bankenschreck, zum Mann, der frech am festen Fundament des Gewerbes rüttelte. Das haben sie ihm bis heute nicht verziehen, zumal er mit seiner neuen Strategie bei Politikern und den internationalen Finanzinstitutionen Währungsfonds und Weltbank breite Zustimmung fand. Die machten seine Wende nahezu geschlossen mit, und dafür gibt es überzeugende Gründe.

Gewiß, die Banken haben in den vergangenen sieben Jahren, die seit dem Ausbruch der Schuldenkrise im August 1982 verstrichen sind, vieles getan, um dem Problem zu Leibe zu rücken. Mit den Schuldnerstaaten wurden längere Kreditlaufzeiten vereinbart, tilgungsfreie Jahre und auch neue Kredite zu günstigeren Konditionen gewährt. Aber alles in allem erreichten sie damit nur, daß diese Länder über die Runden kamen, ohne das Handtuch zu werfen.

In ihrem kürzlich veröffentlichten Jahresbericht kommt die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel bei ihrer Analyse der Schuldensituation zu einem ernüchternden Ergebnis. In den vierzehn am höchsten verschuldeten Ländern habe sich trotz aller Anstrengungen das Wirtschaftswachstum weiter verlangsamt, das Pro-Kopf-Einkommen verringert und die Arbeitslosigkeit erhöht. Gleichzeitig sei die Inflation in diesen Ländern auf „weit über 200 Prozent“ gestiegen. Kann man da von Erfolgen bei der Bewältigung der Schuldenkrise reden?