Von Renate Just

Derselbe ist unten breit und wird nach oben viermal schmäler." Derselbe ist natürlich, wer sieht ihn nach Karl Valentins höchst korrekter Beschreibung nicht vor sich, der Chinesische Turm, "Kinaturm" oder "Turm" schlechthin, mittendrin im Englischen Garten zu München. Jedes Jahr wundert man sich wieder ein wenig, daß diese fragile hölzerne Pagode, eine (kopierte) Chinoiserie des ausgehenden 18. Jahrhunderts, nicht ächzend zusammengeklappt ist in den Wellen des Volksgetümmels, das ihren Fuß umschwappt und umbrandet.

"Gemma an Turm" – so lautet auch heuer wieder die knappe Parole in tausenden Münchner Stadtwohnungen, sobald die Kastanien grün und die Abende endlos sind, und der frühsommerliche Sog das Aufsuchen von "Tier- und Bier- und sonst’gen Gärten" (Eugen Roth) massenhaft unwiderstehlich macht. Dann stopft Mama den Freßkorb mit Hausmacher-Obatztem und Pfisterbrot – kann man ja nicht derzahlen, die Würstl- und Haxenpreise am Turm – und Papa pumpt die Hollandräder auf. Dann pressen sich, in Milbertshofen und Mittersendling, ganze Lehrlingscliquen in Ferdls neuen Civic, und Herr und Frau Fichtischerer, Rentiers von der Schwanthalerhöh’, putzen sich mit Trachtenbluse und Miesbacher Sakko und steigen in die U-Bahn. Und so strömen sie zusammen und mischen sich – mit jenen, die ihre gesamte Lebenszeit am Turm zu verdösen und verschwadronieren scheinen: den wienerschnitzelfarben gebräunten "Lebenskünstlern" mit Löckchenfrisuren und klaffenden Polyesterhemden, den Heimatlosen mit dem Schlafsack unter der Bank, den Studenten im 23. Semester, denen der Magister schon lange im hellen Hofbräu weggeschwommen ist. Sie mischen sich mit neu-geldigem Schwabing in Watteschulter-Outfit, das die Kinder aufs Nostalgie-Karussel zwiebelt und die Brotzeit vom "Käfer" anschleppt Dazu gesellen sich allsommerlich natürlich die transatlantischen und transpazifischen Scharen, die so einen hyperbayerischen blasmusikumschmetterten Tag, so wunderschön wie heute, gar nicht fassen können.

Ganz klar: Alle haben wir ihn furchtbar gern, unseren Englischen Garten. Aber wie es so geht mit den Objekten grundsätzlicher Zuneigung, die man schon sehr lange, sehr familiär kennt – nicht immer schafft man es, ihnen schrankenloses Entzücken entgegenzubringen. Gereiztheit und Gelangweiltsein, Ernüchterung und Enttäuschung mischen sich mitunter in die freundlichen Gefühle, die der Münchner gegenüber seinem Englischen Garten hegt, und den er, so will es die öffentliche Jubelstimmung, in diesem Jahr ganz besonders liebhaben soll, zelebriert dieser älteste, dem Volk übereignete Landschaftsgarten, dieser größte innerstädtische Park Europas doch seinen 200. Geburtstag – unter gewaltigem, typisch münchnerischem Feierlichkeits-Getöse.

Seit Monaten trimmt uns eine Boulevardzeitung auf das Wir-Gefühl einer Weltstadt mit Herz. Mittlerweile hat es jede Consulting-Firma, Backfabrik und Speditions-GmbH, die umweltmäßig auf sich halten will, dazu gebracht, ein paar "Sapporo-Gold"-Ulmen zu spenden. Seit Monaten erinnern sich publizistisch zahllose Lokalprominenzen gefühlvoll ihrer höchstpersönlichen Tempi passati samt "Handerlhalten und Bankerlsitzen" am Kleinhesseloher See. Und so richtig rund wird es vom 30. Juni an gehen, wenn das offizielle Festprogramm anhebt: Historische Kutschen-Umzüge, Biedermeier- und Rokoko-Kostümfest, Cowboy-Festival, Oldtimer-Treffen, Lipizzaner-Vorführungen, ein Jagdfest unter dem Motto "Prinzregent Luitpold", Feuerwerk – und natürlich fehlen niemals, wenn München leuchtet, Orffs "Carmina Burana".

Das große Remmidemmi will einem vielleicht aus dem Grund nicht ganz geheuer erscheinen, weil es ja gerade zum Wesen eines öffentlichen Parks gehört, daß er für jeden einzelnen ein sehr privater Ort ist. "Unter den Bäumen, gegenüber dem Himmel", da wird das Individuum halt lieber philosophisch, wobei es, in die Wipfel der hundertjährigen Eschen (wenn auch nicht der aussterbenden Ulmen) blickend, nicht den reichlich tristen Überlegungen entgeht, wie rasend schnell dagegen doch seine persönlich zurückliegende Lebenszeit verstrichen ist, und wie noch viel rascher der Rest verrinnen wird. Ist doch bloß einen Moment her, daß es mit fünfzehn, peinlich berührt, die eingehenkelte Großtante Lotte durch den Apollohain zerrte (... daß dich nur keiner von den flotten Cafe-Cadore-Spezln sieht!). Und wird bloß einen Moment sein, bis es selbst taperig auf einer mild besonnten Bank am Oberstjägermeisterbach sitzt, womöglich mit einem alten Dackel, und alte Enten füttert!

Im Englischen Garten, an diesem räumlich eng umgrenzten Topos, scheinen die Zeiten kein Limit zu kennen, eigentümlich ineinanderzuschwimmen. In dieser verwischten Atmosphäre aus Gewesenem und Gegenwärtigem, die der Park vermutlich für alle hat, die bestimmte Lebensphasen mit ihm verknüpfen, begibt sich jeder auf seine privaten Vergangenheitsreisen. Damals, wie war das bloß damals ...?