Von Gerhard Spörl

Gemeinsam ist den getrennten deutschen Staaten, daß sie die vierzigste Wiederkehr ihrer Gründung nicht wie erhofft und geplant feiern können. Das ist nur gut so. An das Jahr 1945 bewegten Gemütes zu erinnern, unter sorgsamer Ausklammerung von Krieg und Kriegsschuld, käme staatlich betriebener Geschichtsklitterung nahe. Was für den Teilstaat Bundesrepublik zu 1949 zu sagen ist, hat Richard von Weizsäcker erwartungsgemäß gesagt; mehr an Weihe muß nicht sein. Und das deutsche Publikum – und zwar hier wie dort – antwortet neuerdings herzerfrischend abweisend, sobald es mit einem Übermaß an Gedenkrhetorik belästigt wird. Also müssen beide deutsche Staaten ihren Anspruch auf die Geduld ihrer Bürger mindern.

Es dürfte Erich Honecker noch schwerer fallen als Helmut Kohl. Zu gerne würde er an die besseren Jahre seiner Ägide anknüpfen, als er mehr Erfolg dabei hatte, die DDR mit sich selbst versöhnlich zu stimmen.

Eine Feier, die ins Wasser fällt wegen der Weltpolitik und der Kontroverse darum in deutschen Landen: Das ist ein passender Epilog für eine gemeinsame Geschichte der beiden deutschen Staaten. Sie haben immer dann ganz besonders viel gemeinsam, wenn sie sich völlig auf sich selbst besinnen wollen. So ist die Grundüberzeugung Peter Benders.

Bender hat ein ungewöhnliches Buch geschrieben. Vermutlich kann nur ein Journalist sich solche Projekte vornehmen und verwirklichen. Sie setzen voraus, was sich an den Universitäten nicht so schnell findet: den Mut zu einfachen Fragen und die Fähigkeit, die Geschichte anders als gewohnt aufzufädeln. Das Buch bekommt so, trotz allen Tatsachenreichtums, einen angenehm essayistischen Grundzug. An Elaboraten über. den Gegenstand Bundesrepublik mangelt es ja nicht; auch die Geschichte der DDR ist uns wissenschaftlich vertraut. Bender aber widmet sich ganz und gar dem systematischen Zusammenhang, in dem jene beiden Staaten stehen, die da 1949 nacheinander aus der Taufe gehoben werden, und aus dem heraus sie am besten zu verstehen sind.

Ebenso ungewöhnlich ist der Stil. Die Analysen sind asketisch geschrieben: ohne Eitelkeit, ohne Selbstbespiegelung, Aufklärung in klassischer Sachlichkeit. Der Autor geht ganz auf im Wunsch zu erzählen, wie es eigentlich gewesen ist. Er stürzt sich aufs Geschehene und nicht auf dessen Moral oder Psychologie.

Zum Glück erfüllt sich Benders Wunsch nicht restlos. Er ist Jahrgang 1923. 1945 war er wach und erwachsen. Er ist Zeitgenosse der Geschichte, die er beschreibt. Ihn läßt nicht ruhen, was die Deutschen den anderen Völkern angetan haben. Aus den grimmigen, todernsten Sätzen über das Kriegsende läßt sich heraushören, daß er die moralische Vernichtung der Deutschen als seine eigene empfunden haben muß: „Die traurige Wahrheit ist wohl: