Auf Kaspar Hausers Wegen durch Ansbach

Von Esther Knorr-Anders

Zu allen Zeiten regten Findelkinder die Phantasie an. Nicht selten neigte eine sensationslüsterne Mitwelt dazu, ihnen geheimnisumwitterte Herkunft zuzusprechen. So erging es auch dem deutschen Findling Kaspar Hauser. In seinem Todesjahr 1833 lebten allein im Nachbarland Frankreich 131 000 registrierte Findelkinder. Keines von ihnen wurde zu „Europas Findelkind“ stilisiert. Es war aber auch keines dem Verdacht ausgesetzt, ein von rivalisierenden Kräften ins Verderben gestürzter Erbprinz zu sein.

In Ansbach hielt sich Kaspar seine beiden letzten Lebensjahre auf. Mit einem Rundgangsprospekt vom Verkehrsamt kann man Kaspars Wegen nachschlendern. Es ist ein merkwürdiges Unternehmen, auf das man sich einläßt. Man verfällt dem Gefühl, das „Jünglingskind“ träte aus der Vergangenheit, schreite neben einem her.

Mutmaßlicher Erbprinz oder Sohn einer Dienstmagd? Angeber oder Schwindler? Ein Psychopath, der sich den tödlichen Dolchstich selbst zufügte? All diese nie schlüssig geklärten Fragen werden in Ansbach nebensächlich. Dafür gewinnt ein erbärmlich behandelter junger Mensch Kontur.

Wo mit dem Rundgang beginnen? Ich entscheide mich für des Ruhelosen endliche Ruhestätte, den „Stadtfriedhof bei Heilig Kreuz“. Er wird von Arkadengräbern honoriger Ansbacher umgrenzt. Kaspars Grab ist schwer zu finden. Reihe um Reihe suche ich ab. Dann lese ich seinen Namen. Ein Strauch beschattet das Grab. Eine alte Frau rupft Unkraut. Unwirsch murmelt sie: „Auch so einer, auf den kein Mensch wartete“ – und trottet davon.

Auf Umwegen gelange ich in die Altstadt. Ihr Glanz entwickelte sich aus verschiedenen Stilepochen. Teils verspielt, teils kühl-elegant, keineswegs vor Pracht zurückschreckend, betört sie ihre Besucher. Die Gumbertuskirche, die markgräfliche Hofkanzlei, das Herrieder Tor und der Karlsplatz bilden faszinierende Kernstücke altstädtischer Bauordnung.