Von Michael Haller und Helga Hirsch

Gganz unerwartet stand Erzsebet Nagy auf dem kommunalen Friedhof Räkoskeresztúr am Rande von Budapest, dort an der Parzelle 301, wo seit Jahren die Hingerichteten der Stadt verscharrt wurden – anonym, neben Tierleichen aus dem Zoo und den amputierten Gliedmaßen von Kranken. Hier, wo vor kurzem noch eine geschlossene Grasdecke die ganze Parzelle überzog und Akazienbäume den einzigen Grabschmuck bildeten, lag seit 1961 auch ihr Vater: Imre Nagy, ungarischer Ministerpräsident in den Tagen des Volksaufstands vom 24. Oktober bis 4. November 1956, verraten von seinem ehemaligen Mitkämpfer János Kádár, nach Rumänien verschleppt, in einem fingierten Prozeß zum Tode verurteilt und am 16. Juni 1958 als angeblicher Konterrevolutionär durch den Strang hingerichtet. Hier lagen auch sein Verteidigungsminister Pal Maléter und der Journalist Miklós Gimes, die das Schicksal mit ihm teilten; hier lagen Geza Losonczi und József Szilagyi, Aufständische auch sie, der eine umgebracht, der andere unter unbekannten Umständen im Gefängnis ums Leben gekommen. Vor kurzem wurden ihre Leichen exhumiert, und Experten, berufen von der Regierung und den Hinterbliebenen, haben die Gebeine identifiziert, damit sie nun, am 31. Jahrestag ihrer Hinrichtung, erneut der Erde übergeben werden – aber nicht mehr anonym, sondern auf Stein verewigt; nicht mehr in Schmach, sondern geehrt von der Familie und den Hunderttausenden, die zu der Beisetzungsfeier am 16. Juni auf dem Heldenplatz erwartet werden.

Es soll auch ein Gedenktag des Aufstands und der rund 3000 gefallenen Ungarn sein: Mit den fünf Toten wird noch ein sechster, leerer Sarg zum Heldenplatz getragen und aufgebahrt, stellvertretend für alle, die damals ihr Leben ließen. Im vergangenen Sommer erst wurde eine Nagy-Gedenkdemonstration mit Polizeigewalt aufgelöst; dieses Jahr wird Ministerpräsident Németh offiziell an den Trauerfeiern teilnehmen und die Anteilnahme der Staatsbehörden im Zeichen der „nationalen Versöhnung“ zur Schau stellen. Das ganze Land wird der Opfer in einer Schweigeminute gedenken!

Noch sind Imre Nagy und seine Kampfgefährten rechtlich nicht rehabilitiert, doch schon seit Monaten erscheinen Dokumentationen über jene Tage des Freiheitskampfes und Erinnerungen an ihre Helden, schon jetzt wird die Nachbarparzelle 300 auf dem Rákoskeresztúr-Friedhof in eine Gedenkstätte umgestaltet, wo Maleter, Gimes, Losonczi und Szilágyi ihre letzte Ruhe finden werden. Nur Imre Nagy kehrt auf Wunsch der Tochter zum alten Platz auf der Parzelle 301 zurück. „Mein Vater soll bei den Aufständischen von 1956 liegen“, sagt Erzsebet Nagy in die Kamera des ungarischen Fernsehens. „Er hat mit ihnen gekämpft, er wird bei ihnen bleiben.“

Es läge ihr nichts daran, daß ihr Vater von den Kommunisten rehabilitiert würde, sagt sie, als das ungarische Fernsehen schon abgebaut hat. Was bedeutet schon die Gnade derer, die in der Tradition der Henker stehen? Ihrem Vater würde historische Gerechtigkeit zuteil, indem seine Ziele von damals realisiert würden: Ungarn braucht freie Wahlen zu einem freien Parlament in einem Mehrparteiensystem, das der Opposition die gleichen Rechte wie der kommunistischen Partei einräumt. Der 16. Juni, das Datum der Hinrichtung, solle zum Tag der Trauer werden, und der 23. Oktober, der Jahrestag des Volksaufstands – meint Erzsebet Nagy – zum Staatsfeiertag.

Die Ereignisse während jener zwei Wochen im Herbst 1956, als Ungarn für ein paar Tage ein blockfreier Staat mit einer vom Volk getragenen Koalitionsregierung war, sind in den Köpfen der Menschen wieder gegenwärtig. „Wie man den Aufstand beurteilt, zeigt, wie man über die Zukunft Ungarns denkt“, sagt Imre Pozsgay, Politbüromitglied, Staatsminister und Wortführer des Reformflügels in der KP, „die Einstellung zu ’56 ist wie eine Wasserscheide.“ Zwar bestünden viele Unterschiede zwischen 1956, als die Kommunisten vom Sowjet-System noch überzeugt waren, und heute, da dieses System unübersehbar in die Existenzkrise geraten sei. Doch auch schon damals sei in Budapest versucht worden, die „stalinistischen Strukturen durch demokratische Ideen abzulösen“. Was dann unter den Ketten sowjetischer Panzer zermalmt wurde, dürfe heute, 23 Jahre später, nun endlich zum Leben erweckt werden. Doch schon warnt Pozsgay, den gescheiterten Aufstand und die Person Imre Nagy zum alles überdeckenden Mythos zu verklären. Um was ging es damals wirklich?

Die Antwort ist für viele Ungarn schon deshalb schwer zu finden, weil ihnen keine zuverlässigen Berichte zur Verfügung stehen. Die Historiker in den offiziellen Instituten haben in den vergangenen zwei Jahrzehnten glänzende Arbeiten über das alte Ungarn unter dem Szepter der Habsburger vorgelegt, doch die Zeit nach dem Regimewechsel im Juni 1948 lieber ausgespart. So seien „über den Aufstand im Oktober 1956 in Ungarn bisher zahlreiche Propagandabroschüren, entstellende und verlogene Schriften und Bücher erschienen“, konstatiert der heute in Bern lebende ungarische Historiker Peter Gosztony.