Wandel in der Welt: Gorbatschows Neues Denken löst eine Kettenreaktion aus

Von Marion Gräfin Dönhoff

Eine neue Zeit ist angebrochen. Sie hat sich seit langem angekündigt, aber die Dogmen, mit denen beide Seiten die Wirklichkeit verstellt haben, ließen nicht zu, daß wir den Wandel bemerkten. Jetzt beginnen die Ideologien langsam zu verblassen, und auf allen Gebieten tritt die Wirklichkeit stärker ins Bild. Am deutlichsten ist dies im Verhältnis der Supermächte zueinander, aber auch die deutsch-sowjetischen Beziehungen gewinnen jetzt, nach Gorbatschows Besuch, eine ganz neue Qualität.

Michail Gorbatschow ist seit Winston Churchill der erste wirkliche Staatsmann, der die größere Bühne dieser Welt betritt. Er besitzt jene drei Qualitäten, die den Staatsmann ausmachen: Er hat eine Vision von dem, was da kommt, ein intuitives Gespür für die sich verändernde Welt; er besitzt ferner die rationale Fähigkeit zu analysieren, welcher Weg eingeschlagen werden muß, und den Mut, ihn zu gehen; schließlich hat er die Begabung, eine Gefolgschaft dafür zu mobilisieren.

Sein Neues Denken hat eine geistige Unruhe ausgelöst, die in einer Kettenreaktion politischer Erschütterungen die Völker von Budapest bis Schanghai und von Riga bis Tiflis in Bewegung gesetzt hat. Endlich begreift nun die Welt, daß der Kommunismus nicht mit Waffen, sondern nur durch Ideen – durch das Ideal der Freiheit – in die Defensive gedrängt werden kann. Gegen Waffen kann man sich wappnen, nicht aber gegen Ideen, sie respektieren keine Grenze.

Worin besteht Michail Gorbatschows Neues Denken? Einfach darin, daß er die Welt mit neuen Augen anschaut, wobei sich herausstellt, daß sie ganz anders ist, als seine Vorgänger annahmen. Die Grundlage seiner neuen Schau ist die Öffnung zur Welt, zu Demokratie, Kritik, Diskussion, zu mehr Toleranz, Religion und Menschenrechten.

Zu den Fundamenten des Neuen Denkens gehört weiter die Einsicht, daß mehr Rüstung nicht mehr Sicherheit bringt; daß im übrigen unser aller Sicherheit nicht durch militärische Aktionen bedroht ist, sondern auf lange Sicht viel eher durch die vielfältige Zerstörung der Natur. Daß infolgedessen nur die Kooperation der Systeme unsere Zukunft sichern kann, nicht die Vorstellung von einer Welt, die in Sieger und Besiegte zerfällt.