Von Matthias Naß

Hinter dem alten Mann im dunklen Mantel, der am 28. September 1971 die amerikanische Botschaft am Budapester Freiheitsplatz verließ, lagen 5441 Tage Exil im eigenen Land. József Mindszenty, Primas von Ungarn, sah seine Heimat nie wieder. Über Wien reiste der 79 Jahre alte Kardinal nach Rom aus, wo ihn Papst Paul VI. mit Brustkreuz und Ring empfing. Jószef Mindszenty hatte fünfzehn Jahre lang in zwei Zimmern im Dachgeschoß der US-Vertretung gehaust, in die er im November 1956 während des Ungarn-Aufstands vor den sowjetischen Truppen geflohen war. Für die einen ein Märtyrer schon zu Lebzeiten, für die anderen ein verbohrter Kalter Krieger, war der Kirchenmann mehr und mehr zu einer Belastung der Beziehungen zwischen Amerika, dem Vatikan und Ungarn geworden.

In Peking könnte sich nun das Drama von Budapest wiederholen. Dort flüchtete vergangene Woche nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens der Astrophysiker Fang Lizhi mit seiner Frau und seinem Sohn in den Schutz der amerikanischen Botschaft. Nach dem tausendfachen Mord an unbewaffneten Pekinger Bürgern fürchtete Chinas bekanntester Bürgerrechtler um sein Leben. Die inzwischen angelaufene Verhaftungswelle zeigt, wie berechtigt Fangs Sorge war. Am Sonntag ergingen Haftbefehle gegen den 53 Jahre alten Wissenschaftler und seine Frau Li Shuxian. Der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua zufolge werden sie beschuldigt, "die Konterrevolution propagiert" zu haben. Das Fernsehen zeigte Fahndungsphotos der beiden "kriminellen Elemente": Unter allen Umständen müsse verhindert werden, daß den "Landesverrätern" die Flucht aus China gelinge.

In diesen Tagen, da in Peking der Terror regiert, kann es keine schlimmeren Anklagen geben. Wer als "Konterrevolutionär" und "Landesverräter" seinen Verfolgern in die Hände fällt, der hat sein Leben leicht verwirkt. Undenkbar, daß die Amerikaner Fang Lizhi ausliefern. Die chinesische Regierung hingegen verurteilt die Aufnahme des Bürgerrechtlers in der US-Mission als "eine unverantwortliche Einmischung in die inneren Angelegenheiten Chinas". Der Fall Fang könnte die amerikanisch-chinesischen Beziehungen ähnlich belasten wie der Fall Mindszenty das Verhältnis zwischen Washington und Budapest.

Um Fang Lizhi hatte es schon vor drei Monaten Ärger zwischen Amerikanern und Chinesen gegeben. Beim Besuch von George Bush in Peking hatte die US-Botschaft demonstrativ auch den Regimekritiker auf die Gästeliste für das Abschiedsbankett des Präsidenten gesetzt. Doch das texanische Barbecue im "Great-Wall-Hotel" fand ohne Fang statt: Polizisten hatten seinen Wagen vor der Hotelzufahrt abgefangen. Die Bush-Visite hatte ihren Eklat, das bloßgestellte Pekinger Regime kochte.

Unbequem war der rundliche Gelehrte mit dem befreienden Lachen und den dicken Brillengläsern für die kommunistische Führung immer. Dabei stand dem Sohn eines Bahnarbeiters, 1936 in Peking geboren, eine glanzvolle akademische Karriere bevor. Das einstige Wunderkind, mit drei Jahren eingeschult, promovierte schon als Zwanzigjähriger im Fach Theoretische Physik. Fang Lizhi wurde Chinas jüngster Professor, bald darauf Mitglied der Akademie der Wissenschaften. Doch schon 1958 wurde er im Zuge der "Anti-Rechts-Kampagne" aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, der er drei Jahre zuvor beigetreten war. In der Kulturrevolution von Roten Garden monatelang in einen Hörsaal der Technischen Universität Hefei eingesperrt und zum Studium der Werke Maos gezwungen, vertiefte er sich heimlich in Landaus Feldtheorie. 1972 veröffentlichte er seinen ersten Artikel über Kosmologie, das in China bis dahin völlig unbearbeitete Forschungsgebiet der Entwicklung des Alls. Erst 1979 wurde Fang rehabilitiert und wieder in die Partei aufgenommen.

Doch wenige Jahre später kam es zum endgültigen Bruch mit dem Regime. Im Winter 1986 gingen in allen großen Städten Chinas die Studenten mit dem Ruf nach Freiheit und Demokratie auf die Straßen. Die Bewegung nahm ihren Ausgang an der Universität Hefei, das Idol der Studenten war Fang Lizhi. Schon 1985, als die Partei zaghaft über politische Reformen nachzudenken begann, hatte Fang die "feudalistische Tradition" Chinas und die Privilegien der Funktionäre attackiert. Für den selbstbewußten Physiker stand fest, daß die Intelligenz die treibende Kraft bei der Modernisierung Chinas sein müsse. Die Intellektuellen, erklärte er in einer Rede vor Studenten in Hangzhou, verkörperten die "fortschrittlichen Produktivkräfte". Er sei zwar gegen eine gesellschaftliche Rangordnung, formulierte Fang nicht ohne Hochmut. "Wenn man sie aber unbedingt aufstellen will, müßten die Intellektuellen auf Platz eins."