Ein Schlittengespann rast durch den tiefverschneiten Wald. Der Kutscher schlägt brutal auf die Pferde ein. Denn: Die Wölfe kommen, und der Abstand wird immer kürzer. Da gibt’s nur eins: Einer muß runter vom Schlitten! Ein Bild, das die aktuelle Situation des Jazz Festes Berlin illustriert.

Erinnern wir uns: Berlin, die abgeschnürte Stadt, hängt am Finanztropf von Bonn, genannt Berliner Bundeshilfe. Erst diese gewaltigen Finanzmittel ermöglichen der Stadt an der Spree das ganze permanente Kulturgeflacker. Dazu zählt auch, als ein Bestandteil der Berliner Festspielwochen, das Jazz Fest Berlin. Ein Unternehmen, das ebenfalls in den roten Zahlen steckt. Darüber mußte gesprochen werden. Also fuhr Anke Mirtiny, Berlins Senatorin für kulturelle Angelegenheiten, nach Bonn, um sich mit dem Innenminister Schäuble zu beraten. Der Minister verkündete, was ihm wohl ein Beamter des Bundesfinanzministeriums in administrativer Willkür, fast zaristischer Beamtentücke vorgelegt hatte: Das Jazz Fest Berlin muß fallen, wenn der Bund weiterzahlen soll. Frau Martiny wird wohl geschluckt haben, aber nach so kurzer Amtszeit und hinter dem Rücken des Intendanten des Festivals, Ulrich Eckhardt, senkte sie ergeben die SPD-Wimpern.

Wenn das kein starkes Stück ist! Jazz ist nicht irgendeine Musik, und die Bundesrepublik ist nicht irgendein Land in Europa. Hierzulande wird zu schnell vergessen. Zum Beispiel solche Worte: „Jazz ist keine Musik, sondern eine als Musik getarnte internationale Kulturpest und eine den niedersten Instinkten der Masse entgegenkommende Respektlosigkeit.“ Eine Passage aus der Zeitschrift für Musik vom August 1940. Ob die Berliner Senatorin diese schamlosen Zeilen kennt? In einer Pressemitteilung ihres Hauses vom 25. Mai heißt es: „Die Kultursenatorin habe sich erfreut darüber gezeigt, daß der Bundesinnenminister seinen Finanzierungsanteil ab 1990 ‚nicht unerheblich erhöhen will‘, äußerte aber gleichzeitig ihr Bedauern darüber, ‚daß diese Zusage von Seiten des Bundes mit der Forderung nach Aufgabe der Festspielfinanzierung für die Berliner Jazztage‘ verbunden ist.“

So sieht es also aus, wenn man einer Erpressung nachgibt! Halten die Berliner Senatorinnen nicht, wie sie selbst sagen, „Hexenfrühstücke“ ab? Eine von ihnen ist bestimmt keine Hexe. Eine Hexe hätte dem instinktlosen Schäuble auf der Stelle die Augen ausgekratzt. Michael Naura