Schlimmer war’s kaum auszudrücken: Einen grünen, schleimigen Tempel nannte Patricia Schröder, demokratische Abgeordnete aus Colorado, dieser Tage den Kongreß. Anstatt sich dringenden Gesetzgebungsarbeiten widmen zu können, hat sich der 101. Kongress in seinen ersten Monaten im wesentlichen mit sich selbst und einigen seiner Mitglieder beschäftigen müssen.

Es begann mit der fruchtlosen Debatte um eine exorbitante Erhöhung der Abgeordneten-Diäten; dann war die Frage zu beantworten, ob der damalige Senator Tower ein Säufer oder ein Weiberheld oder gar beides gewesen sei; schließlich kam der für die Mehrheitspartei der Demokraten qualvolle Sturz des Speaker, des Vorsitzenden des Repräsentantenhauses Jim Wright.

Damit nicht genug. Kaum war Wrights Nachfolger gekürt und der hochangesehene Thomas Foley, Demokrat aus dem Staate Washington, in das Amt des Vorsitzenden des Repräsentantenhauses eingeführt worden, da mußte auch er sich fieser Attacken erwehren. Er sah sich zu der Erklärung gezwungen, kein Homosexueller zu sein. Die Parteizentrale der Republikaner hatte den neuen Speaker gleich mit Gerüchten auspunkten wollen, und sensationshungrige Medien hatten nur allzu bereit Hilfestellung geleistet.

Zwei Phänomene liegen den Vorgängen im amerikanischen Kongreß zugrunde. Das eine ist das neue und ins Rigorose gewachsene „ethische Bewußtsein“, das andere ist eine schneidend offensive Haltung einiger „Jungtürken“ unter den Republikanern. Wenn sich der zurückgetretene Speaker Jim Wright klagend als das Opfer eines „unsinnigen Kannibalismus“ im Kongreß sieht, so hat er die Zeichen der Zeit nicht verstanden. Heute geht auf dem Capitol eben nicht mehr, was dort früher an Mauscheleien üblich war. U. Sch.