Von Manfred Sack

München

Darf der Staat ein Baudenkmal schleifen? Nur weil es ihm nicht paßt und seinen Neubauplänen im Wege steht? Darf der Staat also das Gesetz brechen, unter dessen Schutz er eben dieses Gebäude doch gestellt hat? Über diese normalerweise absonderlichen Fragen, die seit einiger Zeit nicht nur in München Unruhe gestiftet haben, wird es nun in der Aula der Münchener Fachhochschule ein Streitgespräch geben, am 21. Juni – als einen der letzten verzweifelten Versuche, ein in Bayern einzigartiges Baukunstwerk vor dem Vandalismus des Staates zu retten, in einem öffentlichen Meinungsstreit. Alle Münchener Architektur-Fakultäten und -Vereinigungen haben sich dafür zusammengetan; eine eilig von der Akademie der Künste in Berlin beschaffte Ausstellung soll zugleich vor Augen führen, wofür soviel Lärm geschlagen wird, wer die Brüder Luckhardt sind und womit sie sich Weltruhm erworben haben.

Das Gebäude, für dessen Erhaltung schon jahrelang so leidenschaftlich gestritten wird, ist eines der ganz wenigen prägnanten Beispiele klassischer moderner Architektur in Bayern, eines der erlesensten obendrein. Der Berliner Architekt Wassili Luckhardt hatte es 1957 für das Landesversorgungsamt errichtet; schon lange wird es als Unterbringungsanstalt für Asylbewerber benutzt. Nun also soll es verschwinden: Es sei marode; es stehe der dringend notwendigen Erweiterung der Fachhochschule im Wege; niemand sei bereit, in den alten Bau einzuziehen.

Es steht in der Heßstraße, auf etwa halbem Wege zwischen Hauptbahnhof und Olympiapark. Man sieht ihm seine Vernachlässigung durch den freistaatlichen Bauherrn an: die Fassaden verrottet, das Innere verwahrlost, der Bau so ungeliebt wie seine Zwangsbewohner, vorwiegend Tamilen. Wie üblich bei derlei heruntergekommenen Gebäuden, läßt es kaum noch etwas von dem alten Glanz ahnen, nur seine Struktur und die raumgreifende Gebärde sind geblieben.

Sein Architekt war der Berliner Wassili Luckhardt (1889-1972), der zusammen mit seinem Bruder Hans zur Berliner Avantgarde der Moderne gehört hatte. Wie nicht wenige ihresgleichen waren sie nach dem Ersten Weltkrieg zunächst expressionistische Visionäre, ehe sie in den zwanziger Jahren zu eleganten Praktikern der "weißen (Bauhaus-) Moderne" wurden, zugleich sozialbewußt und schönheitsdurstig. Das 1957 fertiggestellte Landesversorgungsamt war ihr größter Bau, unverkennbar ihr Werk, klar gegliedert, dem großen Volumen zum Trotz leicht, ja transparent, das markante, wunderbar proportionierte Stahlbetonskelett ringsum mit Glas geschlossen. Das langgestreckte Hauptgebäude, drei Stockwerke hoch, steht auf Stelzen; vier rechteckige, leicht ausgebuchtete flache Quertrakte sind wie Pontons daruntergeschoben. Die strahlend weiße Skelettfassade bekam durch die hellroten Brüstungsbänder unter den feingliedrigen Fensterbändern ein eigenartig heiteres Leuchten – so als sollte den Kriegsopfern der Amtsakt ihrer staatlichen Versorgung als eine freundlich erfüllte Pflicht dargestellt werden.

Doch die farbenfrohe Strenge der Fassade und die originelle räumliche Komposition weckten wie die ganze klassische Moderne in Bayern von jeher wenig Begeisterung. Dem Fachhochschul-Präsidenten Kessler muß sie so gleichgültig sein, daß er sich allen Überzeugungsversuchen für die Erhaltung entzog. Er betrieb den Abriß des Gebäudes mit sonderbarer Sturheit, obwohl es unter Denkmalschutz steht. Er schaffte es tatsächlich, daß der Haushaltsausschuß des bayerischen Landtages die dafür erforderlichen 1,4 Millionen Mark bewilligte. In einem temperamentvollen Protestbrief erhob nun der Fachbereich Architektur seiner Hochschule schlimme Vorwürfe gegen ihn.