Von Helmut Sonnenfeldt

WASHINGTON. – Der Streit um die Kurzstreckenraketen und die Polemik, mit der er geführt wurde, waren ernster als die meisten der vielen Meinungsverschiedenheiten, die das westliche Bündnis bisher überlebt hat. Da ist es kein Wunder, wenn allenthalben Erleichterung spürbar ist, daß wieder einmal ein Kompromiß gefunden wurde.

Aber der Streit hat politische Empfindlichkeiten geweckt, vor allem, wenn auch nicht nur, in der Bundesrepublik, die sich lange aufgestaut hatten und auf längere Zeit wirken können. Seit Beginn des Kalten Krieges fühlten sich die Westdeutschen stets in doppelter Weise bedroht – in ihrer militärischen Sicherheit, aber auch in ihrer nationalen Substanz. Bei der Gründung der Bundesrepublik unter der Patenschaft der Alliierten wie auch bei ihrem späteren Beitritt zum westlichen Bündnis waren viele Deutsche von widerstreitenden Gefühlen bestimmt. Zum einen suchten sie die Sicherheit und Westorientierung, die das Bündnis ihnen bot. Zum anderen jedoch fürchteten sie, daß dadurch die endgültige Teilung ihres Landes besiegelt würde.

Die militärische Vorne-Verteidigung mit ihrem Rückhalt in der atomaren Abschreckung, wie sie sich in den vergangenen vier Jahrzehnten in verschiedenen Formen entwickelt hat, war zumindest so sehr eine deutsche wie eine Nato-Forderung. In der Tat wurden gerade deutsche Ängste immer wieder entfacht, wenn es gelegentlich schien, als sollte die Verteidigungslinie der Nato weiter nach Westen zurückgenommen werden oder als würde sie nicht hinreichend durch die amerikanische Bereitschaft abgesichert, sich im Interesse des deutschen Verbündeten der Gefahr sowjetischer Atomangriffe auszusetzen. Die Entscheidung, in Westdeutschland und anderen westeuropäischen Ländern atomare Waffen bereitzuhalten, wurde den Deutschen keineswegs aufgezwungen; sie haben ihr wie die übrigen Verbündeten zugestimmt, damit Deutschland davor bewahrt bleibt, zum Schlachtfeld eines nächsten Krieges zu werden.

Seit einer Reihe von Jahren jedoch stellt nun ein erheblicher Teil der westdeutschen Öffentlichkeit diese und andere Aspekte der Nato-Strategie in Frage. Durch die Präsenz atomarer Waffen in der Bundesrepublik, so wird behauptet, würde Westdeutschland besonders verwundbar; dahinter stünde gar die Absicht, ein Krieg auf das Territorium der Deutschen zu begrenzen. Das Abschreckungskonzept wird mit „militärischer Kriegsführung“ gleichgesetzt und weitgehend als Diskriminierung der Deutschen und als ein Anachronismus im Zeitalter Gorbatschows hingestellt.

Viele der westdeutschen Argumente gegen Nato-Kompromisse, auch gegen die jüngste Absprache über die Kurzstreckenraketen, beruhen auf derartigen Sorgen. Zugleich werden diese Sorgen heute in einer Art und Weise und mit Worten vorgetragen, die vermuten lassen, daß die Deutschen tiefsitzende Ressentiments gegen ihre Verbündeten hegen, die ihnen angeblich gleichgültig gegenüberstehen und gegen die die Bundesrepublik endlich ihr Interesse durchsetzen müßte.

Aber seit langem schon spielt die Bundesrepublik eine gewichtige Rolle bei der Formulierung von Nato-Positionen, ganz zu schweigen von ihrem Einfluß auf die Weltwirtschaft, auf internationale Absprachen und Organisationen im Währungsbereich und in der Europäischen Gemeinschaft. Die Vorstellung, die Deutschen würden wie ein „Spielball“ behandelt, ist unsinnig. Die Bonner Darstellung der Kurzstreckenproblematik, als handele es sich um einen Streit zwischen „Angelsachsen“ und „Kontinental-Europäern“, beweist zudem eine erstaunliche Distanz zur Realität – seit wann zählen Franzosen denn zu den Angelsachsen? Es gab sogar einen merkwürdigen Rückfall in die Kaiserzeit, die doch in anderer Hinsicht heute sehr kritisch gesehen wird: Wer Begriffe wie „Diktat“ in die Debatte um die Kurzstreckenraketen wirft, erinnert an jene Zeit vor sechzig Jahren, als sich mit diesem Wort schon einmal nationale Leidenschaften entfachen ließen – mit all den tragischen Folgen.