West-östliche Begegnungen: Von Wiedervereinigung war nicht die Rede

Von Marlies Menge

Die Parallelität der Ereignisse war rein zufällig. In West-Berlin feierten Christen die Eröffnung des Kirchentages. In Ost-Berlin verhinderten Polizisten und Staatssicherheit gewaltsam einen von Christen geplanten Schweigemarsch. Sie wollten vom Konsistorium zum Staatsratsgebäude ziehen, um dort ein Papier abzugeben, in dem darum gebeten wurde, die Eingaben und Anträge beantworten zu lassen, die sich mit den Unstimmigkeiten der Kommunalwahlen beschäftigen: einerseits die nahezu hundertprozentige Zustimmung zum Wahlvorschlag, andererseits die von Teilnehmern bei der Stimmauszählung notierten Gegenstimmen (18,7 Prozent waren es im Dresdner Wahllokal Neuer Kreuzweg).

Der Schweigemarsch, genau einen Monat nach der Wahl, fand nicht statt. Es gab Rangeleien, Festnahmen. Besonnene Pfarrer vertagten das Problem auf abends in der Sophienkirche. Hier das gleiche Bild wie nachmittags am Konsistorium. Draußen die Arroganz der Macht, verkörpert durch Polizisten und Schlägertrupps der Stasi. In der Kirche die Ungeduld der jungen Leute. „Wir haben vierzig Jahre gewartet“, sagte eine Achtzehnjährige, „jetzt können wir nicht mehr warten.“ Sie liefen los, wurden von Polizei und Stasi am Weitergehen gehindert, setzten sich auf die Straße. Später wurden 120 von ihnen mit Gewalt abgeführt, in Busse verladen, weggefahren. Am nächsten Morgen waren alle an diesem Tag Festgenommenen wieder frei.

Der Ostberliner Bischof Gottfried Forck verglich auf dem Westberliner Kirchentag die DDR-Regierung mit Eltern, die erwachsene Söhne und Töchter haben, sie aber wie kleine Kinder behandeln, sie bevormunden, ihnen keinen Raum für freie Entwicklung lassen. Das aber wäre nötig, damit sie im Land bleiben. Auch auf dem Kirchentag sprach Bischof Forck wieder von der Mitverantwortung der Bundesrepublik am Weggehen von DDR-Bürgern. Sein Vorschlag: Statt der milden Gabe von hundert Mark an Westreisende sollte lieber der Umtausch einer bestimmten Summe eins zu eins ermöglicht werden.

Der Wittenberger Pfarrer Friedrich Schorlemmer nannte die Mauer eine schwärende Wunde, schädlich für das Ansehen des Landes, wandte sich aber gegen die „Sofort-Abriß-Rhetorik“ im Westen. Auch er sah im westlichen Wohlstand den Grund für Überheblichkeit im Westen und Minderwertigkeitsgefühl in der DDR. Langfristig sei es gefährlich, wenn so viele Menschen mit einem verletzten Selbstwertgefühl leben.

Nicht frei von Emotionen