Um das Image der Rabenvögel, zu denen Krähe, Elster, Eichelhäher, Dohle und Rabe gehören, steht es nicht zum besten. Die Elster ist „diebisch“ und ein völlig verunglückter Tag „rabenschwarz“, Doch zunehmend kommt Bewegung in das stereotype Bild vom Unglücksvogel.

Als am 1. Januar 1987 die Rabenvögel einer EG-Richtlinie entsprechend bundesweit unter Schutz gestellt wurden, liefen vor allem die Jäger Sturm gegen die Gesetzesnovelle, die ihnen die Regulation von Rabenvogelpopulationen untersagte. Für Waidmänner ist der gezielte Abschuß von Rabenvögeln im Hinblick auf andere bedrohte Tierarten ein Gebot der ökologischen Vernunft. Die Jäger schlugen sich nicht vergebens ins Behördendickicht: In Baden-Württemberg wurde die Jagd auf Elstern und Rabenkrähen für die ersten drei Monate des vergangenen Jahres wieder zugelassen.

Gleichzeitig gab das Umweltministerium von Baden-Württemberg ein Gutachten in Auftrag, das in die emotionsgeladene Diskussion um das „Rabenvogelproblem“ ein wissenschaftliches Fundament einziehen sollte. Mit der Erstellung des Gutachtens wurde der Stuttgarter Professor Hinrich Rahmann betraut, der auf der Grundlage einer Literaturrecherche und einer in Fachkreisen abgehaltenen Fragebogenaktion die „Ökologie und Schadwirkung von Eichelhäher, Elster und Rabenkrähe“ (erschienen im Verlag Josef Margraf) klären sollte. Die 150 Seiten umfassende Untersuchung stellt für den Rabenvogelbestand keine spektakulären Tendenzen fest. So geht ein Anstieg der Elsterpopulation im Stadtbereich einher mit einer Ausdünnung auf dem Land. Bei den großen Krähenschwärmen handelt es sich meist um Invasionen aus dem Osten, um sogenannte „Wintergäste“.

Schaden in der Landwirtschaft entstehen vor allem durch diese Schwärme, insbesondere durch Saatkrähen, die sich an Samen, Sprossen und reifen Maiskolben zu schaffen machen. Obwohl volkswirtschaftlich unbedeutend, „können die Schäden jedoch für den betreffenden Landwirt sehr erheblich sein“.

Ausschlaggebend für die lokal hohen Schäden sind die Krähenansammlungen an schlecht bewirtschafteten, das heißt nicht abgedeckten Mülldeponien. Wohlstandsmüll und leckere Zusatzkost von den angrenzenden Feldern scheinen dem Geschmack der allesfressenden Vögel zu entsprechen. Wie im Gutachten belegt wird, besteht die einfachste Abhilfe in einem Abdecken der Müllhalden. Die Effektivität weiterer Abwehrmaßnahmen wird sehr nüchtern beurteilt. Von der Vergällung des Saatguts über die Befreiung der Felder von Unkraut bis zur ständigen Beunruhigung der Vögel durch das Abschießen von Leuchtraketen wirkt nichts durchgreifend oder auf Dauer.

Obwohl Rahmann mit eindeutigen Schlußfolgerungen zurückhaltend umgeht, steht für ihn rasch fest: „Bestandsregulierungen als Abwehrmethoden von Krähenschwärmen sind undurchführbar und versprechen nicht den Erfolg, den man erwartet.“ So seien beispielsweise Rebhuhn, Birkhuhn und Fasan durch den Menschen, der ihnen die natürlichen Lebensgrundlagen entzieht, weit stärker bedroht als durch die Rabenvögel, die als Nesträuber manchem Hühnchen den Garaus machen. Sehr ähnlich verhalte es sich mit der Gefährdung anderer Vogelarten: Zwar ließen sich einige Prozent der Nahrung als Eier und Jungvögel identifizieren, doch „ein erheblicher Schaden an der übrigen Singvogelwelt“ werde von „Rabenvögeln nicht verursacht“. Da der Hang zum Raub fremder Eier selbst vor der eigenen Art nicht haltmache, reguliere sich die Rabenvogeldichte von selbst. Werde zudem die Nützlichkeit der Rabenvögel beim Vertilgen von Schadinsekten oder der Austragung von Eicheln berücksichtigt, sollte es unbedingt, so Rahmann, beim Vollschutz für Rabenvögel bleiben.

Nach dem Erscheinen des Gutachtens konterten die Jäger, allen voran Professor Paul Müller von der Universität des Saarlandes. Er wirft Rahmann „unverkennbare Selektivität“ vor – und zieht selbst kräftig vom Leder. Müller und andere „Gegengutachter“ zitieren Untersuchungen, die Rahmann nicht zitiert hat, die er aber hätte zitieren müssen, um ein vollständiges Bild zu liefern. Aus diesem Grund, und weil Rahmann mit seinem umweltpolitischen Credo nicht hinter dem Berg hält, wird seine Arbeit als unwissenschaftlich abgetan. Nach Ansicht der Jäger können gefährdete Tierarten von Rabenvögeln sogar existentiell bedroht werden, wenngleich fairerweise zugegeben wird, daß auch vor Katzen und anderen potentiellen Räubern kein Nistplatz sicher ist.