Hingegen besteht Übereinstimmung, daß es ohne den Menschen auch kein "Rabenvogelproblem" gäbe. Denn zum einen profitieren Krähen und Co von menschlichen Abfällen, flurbereinigten Feldern und den Früchten bäuerlicher Arbeit, und zum anderen sind viele gefährdete Arten erst vom Menschen in ihre mißliche Lage gebracht worden. Während Rahmann jedoch die Rabenvögel nicht für Fehler des Menschen büßen lassen möchte, argumentieren die Jäger ganz praktisch: Weil sich die menschlichen Einflüsse nicht aus der Welt schaffen ließen, sei es allemal das naheliegendste und billigste, die Rabenvögel auf ein erträgliches Maß zu reduzieren.

Bei all dem "wissenschaftlichen" Pro und Contra drängt sich der Verdacht auf, daß hier vor allem zwei Weltanschauungen aufeinanderprallen. Die Jäger einerseits verzichten nicht gerne auf ihre angestammten Rechte. Andererseits geht es bei dem Jagdverbot nicht in erster Linie um Artenschutz. In diesem Zusammenhang könnte ein neues Gutachten aus Hamburg als salomonisches Urteil gelten. Da mit dem Rahmann-Gutachten und der Reaktion der Jägerschaft keine Beruhigung der Lage eingetreten war, erteilte das Bonner Landwirtschaftsministerium dem Biologen Hermann Ellenberg den Auftrag für eine neue Literaturstudie zur "Rabenvogelproblematik". Aufgabe der Studie war es, "den Antrag der Bundesregierung bei der EG, die zur Diskussion stehenden Rabenvögel in die Liste der jagdbaren Tierarten aufzunehmen, mit fachlichen Informationen zu begleiten".

Ellenberg kommt zu dem Schluß, daß eine Bejagung der Rabenvögel nicht nötig, aber möglich ist. Die Schäden, die von Rabenvögeln in der Natur, am Wild und in der Landwirtschaft verursacht werden, reichten nicht aus, um generell eine Verfolgung als Bestandsregulierung zu rechtfertigen. Die Ausnahmeregelung der bisherigen Richtlinie lasse eine begründete lokale Verfolgung ohnehin zu. Auf der anderen Seite können die Rabenvögel dank ihrer Vitalität als anpassungsfähige und intelligente Tiergruppe ein gewisses Maß an Bejagung ohne weiteres verkraften.

So brauchten denn Tierschützer, auch wenn eine entsprechende Gesetzesnovelle zunächst einen Jagdboom auslösen sollte, auch in Zukunft für die Rabenvögel, nicht schwarzzusehen.

Christian Weymayr