Von Hans Schuh

Selten hat ein ausländischer Philosoph in der Bundesrepublik so heftige Reaktionen ausgelöst wie jüngst der australische Ethiker Peter Singer. Der Wissenschaftler von der Monash University in Clayton/Victoria war eingeladen worden zu einem Symposium "Biotechnik – Ethik – Geistige Behinderung", das vom 4. bis 8. Juni in Marburg stattfinden sollte. Als Gast des niederländischen Bishop-Bekkers-Institutes, das sich seit Jahren mit dem Thema "Genetik und geistige Behinderung" befaßt, sowie der Bundesvereinigung Lebenshilfe, der größten Elternvereinigung für geistig Behinderte in der Bundesrepublik, sollte Singer ein Referat halten, dessen Thema hieß: "Zwischen Leben entscheiden: Eine Verteidigungsschrift".

Doch dazu kam es nicht. Aufgrund massiver Proteste der Krüppelbewegung in der Bundesrepublik, mehrerer Behindertenverbände, der Grünen und vieler Einzelpersonen wurde zunächst der Gelehrte ausgeladen und nach heftigen Querelen schließlich das ganze Symposium kurzfristig abgesagt.

Auf erbitterten Widerstand war nicht nur das Marburger Symposium, sondern auch eine Veranstaltung des Fachbereiches Sondererziehung und Rehabilitation der Universität Dortmund gestoßen. Dort sollte Singer am 9. Juni über das Thema "Haben schwerstbehinderte neugeborene Kinder ein Recht auf Leben?" sprechen. Auch in diesem Fall protestierten Pädagogen, Studenten und Behinderte heftig gegen das Projekt. Die einladenden Professoren Christoph Anstötz und Christoph Leyendecker sagten den Vortrag ab, weil "fest versprochen wurde, diese Veranstaltung zu verhindern, und zwar bedingungslos und mit körperlichen Mitteln".

Weshalb wurde Singer überhaupt eingeladen? Hat man den Zündstoff in diesem Thema unterschätzt? Auf dem Marburger Symposium sollte über die Bedeutung der Gentechnik für behinderte Menschen diskutiert werden. Könnten sich, fragt die Bundesvereinigung Lebenshilfe, Eltern bald direkt oder indirekt gezwungen sehen, behinderte Ungeborene abtreiben zu lassen? Besteht gar "die Gefahr, daß schwerbehinderte Neugeborene in Zukunft gleich nach der Geburt getötet werden"? Die Lebenshilfe befürchtet, "daß durch neue biotechnische und genetische Forschung, etwa vorgeburtliche Diagnostik, künftig Behinderung als vermeidbar, ja vielleicht sogar als individuelles Verschulden angesehen werden könnte".

Daß schwerbehinderte Neugeborene gleich nach der Geburt durch Unterlassen medizinischer Hilfe getötet werden (passive Euthanasie), ist in der Bundesrepublik und vielen anderen Ländern stillschweigende Praxis. Erst kürzlich ließ das Oberste Gericht der Niederlande ein Rotterdamer Ärzteteam straffrei ausgehen, das einen mongoloiden Säugling, der an einem Darmverschluß litt, nicht operiert hatte – in Absprache mit den Eltern und einem Ethiker. Dies hat in Holland eine breite Diskussion über Euthanasie entfacht.

Peter Singer ist vor allem deshalb umstritten, weil er eine ethische Begründung für die Euthanasie zu liefern versucht. In seinem Hauptwerk "Praktische Ethik" (Reclam Verlag, Stuttgart 1984) plädiert er für eine aktive Euthanasie in eng begrenzten Fällen. Am Beispiel von mongoloiden Säuglingen mit Darmverschluß, argumentiert Singer, der Tod bei der üblichen passiven Euthanasie erfolge "weder rasch noch schmerzlos. Der Säugling stirbt entweder an Wasserentzug oder an Hunger; es kann zwei Wochen dauern, bis der Tod eintritt." Deshalb fordert er: "Haben wir uns für den Tod entschieden, dann sollten wir sichergehen, daß er auf die bestmögliche Weise geschieht." Singer befürwortet eine schmerzlose und rasche Tötung statt der passiven Euthanasie. Er ist sich bewußt, daß seine Schlußfolgerungen viele Menschen "schockieren, denn sie verletzen eine der grundlegendsten Lehren der westlichen Ethik – nämlich daß es Unrecht sei, unschuldige menschliche Wesen zu töten".