Die führt ein heißes Sexualleben, stinkt nach faulendem Fleisch oder zersetztem Urin und gehört doch zu jenen Blumen, die dem Christentum als Symbol der Reinheit gelten: Sauromatum guttatum, die Voodoo-Lilie.

Länglich und oben leicht geöffnet ist die Blütenhülle der bizarren Blume; darinnen sitzen, am unteren Ende, die weiblichen Organe, am oberen Ende die männlichen. Aus der Blütenhülle weit heraus ragt, einer Antenne gleichend, eine dünne Gerte. Sie heißt Appendix und steckt in einem Futteral, der Blütenscheide.

Am späten Nachmittag vor dem Tag der Bestäubung verändert sich etwas Entscheidendes im Appendix: Es tritt immer mehr Salicylsäure auf. Die Konzentration der organischen Substanz erreicht ihren Höhepunkt drei bis vier Stunden nach dem Morgengrauen des nun folgenden Tages und löst, wie eine in Nature (25.5.1989) veröffentlichte Studie zeigt, eine Folge ungewöhnlicher Ereignisse aus.

Der Appendix reagiert empfindlich auf die Säure, zumal bei Sonnenlicht, und das trifft jetzt direkt auf das Gewebe, denn das Futteral schält sich ab. Die Folge ist ein Stoffwechselprozeß, bei dem die Antenne sich bis auf 22 Grad Celsius über die Umgebungstemperatur erhitzt – und zu stinken beginnt. Die Temperaturen lassen Signalstoffe flüchtig werden, und es dauert nicht lange, bis die Insekten kommen.

Die fliegen nämlich auf solche Gerüche, rutschen den Appendix herab und purzeln von oben in die Blütenhülle hinein. Deren Innenseiten sind schlüpfrig und konkav, herauskrabbeln kann da niemand mehr. Am Abend dieses aufregenden Tages erhitzt sich die Voodoo-Lilie ein zweites Mal: diesmal innerhalb der Blütenhülle, zwischen dem männlichen und dem weiblichen Organ – immerhin auf zehn Grad Celsius über die Umgebungstemperatur. Wieder ist es die Salicylsäure, die die Hitzewelle auslöst. Auf deren Höhepunkt stoßen die männlichen Organe ihre Pollen ab. Stundenlang noch werden die Insekten in der Blüte angeheizt und zusätzlich von einem süßen Duft stimuliert, nunmehr das Ihrige zur Vermehrung beizutragen. Sie übertragen die Pollen auf die weiblichen Organe der Blume. Später welkt die Blütenhülle dahin, die Insekten gelangen ins Freie und bestäuben weitere Voodoo-Lilien ...

Nachdem sie die Wirkung der Salicylsäure entdeckt hatten, versuchten die Forscher, die gleichen Resultate mit ähnlichen Substanzen zu erzielen. In zwei Fällen klappte es; eine der Substanzen ist die Acetyl-Salicylsäure, das Aspirin, eines der ältesten Naturheilmittel – und immer wieder für Überraschungen gut. Gero von Randow