Seit April müssen auch italienische Autofahrer Gurte anlegen. Diese Verordnung ist äußerst unpopulär und wird als Angriff auf die persönliche Freiheit erlebt. Dagegen muß man sich selbstverständlich wehren. Aber wie? Die gewaltlose Lösung kam natürlich aus Neapel, dessen Bevölkerung für Schläue und Genie angesichts existenzbedrohender Probleme bekannt ist. Doch nicht der arme Untergrund erbrütete sie. Ein namhafter Psychiater, Neurologe und PR-Forscher ließ sich einfallen, wie man dieser lästigen Fesselung entkommen könne. Er ersann das Gurt-Shirt. Für diesen ausgewiesenen Eulenspiegel war es nur ein Experiment. Aber die Folgen sind noch gar nicht abzusehen, erdachte er doch einen potentiellen Marktschlager – freilich leicht außerhalb der Legalität.

Der Mann, Claudio Ciaravolo heißt er, hatte schon kürzlich in Florenz auf dem Internationalen Kongreß über das Gedächtnis mit angeblich großem Erfolg „Samarcandina für ein superfeines Erinnerungsvermögen“ verkauft: ein paar Tropfen Wasser auf einen Zuckerwürfel. Auch hatte er in vier Städten die Aktion „no spot“ gestartet. Er ließ einfache elektrische Unterbrecher verkaufen, die, an den Fernseher montiert, unerwünschte TV-Reklame einfach abschalten. Auch das war ein Erfolg.

Und nun das Gurt-Shirt. Es ist fast so ingeniös wie die kalte Fusion von Fleischmann und Pons, dürfte aber kaum zum Patent angemeldet werden. Es wurde zunächst in nur 25 Exemplaren hergestellt; doch verbreitete es sich rasch als Gerücht, und viele Leute behaupten, es schon gesehen zu haben. Dabei kann man es beinahe nicht sehen, solange sein Träger nicht dem Kraftfahrzeug entstiegen ist. Es ist ein Hemd oder ein Pulli in hellen Farben von anmutigem Zuschnitt. Von der linken Schulter bis zur rechten Hüfte wird es von einem attraktiven schwarzen Streifen geziert. So für die Person am Lenkrad; die neben ihr trägt den Streifen natürlich spiegelverkehrt.

Mit dieser Gurt-Mimikry kann der Autofahrer ungefesselt den Nachstellungen der Ordnungshüter ein Schnippchen schlagen. Auf seinem donnernden Zweirad den Unbilden der Witterung ausgesetzt, muß der Polizist die Leute im Auto für angeschnallt halten. Brillen und Seitenscheiben-Reflexe narren ihn – genau kann er gar nicht gucken.

Selbstverständlich hat der findige Professor auch einen eingängigen Slogan für sein Schutzkleid in die lange Schlacht um den Anschnallzwang geworfen, grob übersetzt: „Es ist kein Gurt, es schnürt nicht ein, es färbt nicht aus, es hilft nicht, tut aber so.“

Kaum im Gespräch, schnellte die Nachfrage nach dem „Sicherheitshemd“ (!) hoch ins Unübersehbare. Zwar ist es wohl nicht auf dem Markt; aber Ciaravolo hatte seinen Coup gelandet. Der Werbungswissenschaftler wunderte sich nicht: Ein wirksamer Spot wirkte auf die rechte Gehirnhälfte, wo die Emotionen wohnen. Verführerische Reklame wende sich nie an die linke Hälfte, dem Sitz von Ratio und Vernunft, sondern stets an die irrationale, verantwortungslose.

Wie genießt der Mensch es doch, und insbesondere der italienische, wenn seine rechte Hirnhälfte die linke mal wieder überlistet hat. Es macht das Leben einfach leichter und lustiger bis ... na ja, wer wird denn immer mit dem Schlimmsten rechnen? Rino Sanders