Den kulturpolitischen Rahmen hatten die Initiatoren, Valerie Gergejew, Chefdirigent und Leiter des Leningrader Kirow-Theaters, und der Allround-Künstler und Manager Justus Frantz hoch gesteckt: Zum krönenden Abschluß der ersten Arbeitsphase des ad hoc geschaffenen deutsch-russischen Ensembles sollte in Anwesenheit von Generalsekretär Gorbatschow und Bundeskanzler Kohl in der Bonner Beethovenhalle ein Konzert stattfinden. Dazu kam es nicht. Die brisante Lage in der Heimat des Gastes, vor allem das verheerende Zugunglück sind offenbar nicht allein Grund für die Absage gewesen: Mit seiner Richtlinienkompetenz habe sich Kohl, so heißt es, von Anfang an gegen ein solches Vorhaben gestemmt. Nicht einmal der Außenminister konnte ihn überreden, die hochkarätige Veranstaltung – die Einladungen an Spitzenvertreter aus Kunst, Politik und Wirtschaft waren verschickt – zum Benefizkonzert für die Opfer der Katastrophe im Kaukasus umzupolen. Genscher gab auf.

Politik macht’s möglich: Hätte es das Gipfeltreffen am Rhein nicht gegeben, wäre die Gründung eines gleichermaßen mit jungen (west-)deutschen und sowjetischen Musikern besetzten Orchesters wohl schon im Ansatz auf der Strecke geblieben. Die Zeichen indes standen dadurch günstig, und die mächtige Bayer AG zog mit der Stadt Leverkusen, wo die erste Arbeitsphase stattfand, das finanziell wie organisatorisch aufwendige Projekt quasi im Handumdrehen an sich. Sage künftig einer etwas gegen hochindustrielles Sponsorship oder die Schwerfälligkeit kommunaler Bürokratie.

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Fünfzig Jahre nach Kriegsausbruch ein erster grundlegender Austausch zwischen hochbegabten Musikern der UdSSR und der Bundesrepublik Deutschland – Zeichen der Hoffnung und Zuversicht für die gemeinsame Zukunft in einem friedlich vereinten Europa. Die aktuelle Aufbruchsstimmung verspüren Jugendliche am meisten: Nach 24stündiger Bahnfahrt aus Moskau dürfen die vorwiegend am dortigen Konservatorium studierenden Instrumentalisten – fast zu gleichen Teilen männlich und weiblich – erstmals westlichen („kapitalistischen“) Boden betreten. Sie geraten ins Schwärmen: Der überwältigende Einblick in die „neue“ Welt, neben Hotelunterkunft, Verpflegung und Transport auch die unmittelbare Begegnung mit ganz anders gearteten Menschen, so äußern sie unisono, seien geradezu paradiesisch...

Valerie Gergejew, 1953 in Moskau geboren und in Leningrad ausgebildeter Dirigent, hatte darauf gedrängt, daß bei den Streichern je ein deutscher und ein sowjetischer Spieler an einem Pult zusammensitzen sollten. Während er die Blechbläser fast ausschließlich mit Landsleuten besetzte, bevorzugte Gergejew bei den Holzbläsern nur deutsche Interpreten. „Diese Kombination ist hervorragend“, sagt er. „In Moskau werden Holzbläser in französischer Manier ausgebildet, in Deutschland nach der Boehm-Technik; sie ist besser. Bei den Blechbläsern ist das anders: Für Tschaikowskys Musik kann man keine besseren finden als solche, die ich aus Leningrad mitgebracht habe. Beide Gruppen halte ich schon jetzt für hochgradig professionelle Musiker.“

In der Tat wird man in Spitzenorchestern (international) sich umsehen müssen, einen Solo-Hornisten zu finden, der das populäre Hauptthema im zweiten Satz von Tschaikowskys „Fünfter“ so schön und makellos bläst wie Gergejews Paradespieler aus Leningrad. Ebenso könnten sich die Berliner Philharmoniker einmal um die beiden Deutschen an den ersten Pulten von Klarinette und Oboe reißen. „Bei den Streichern“, meint Gergejew, „sind die Probleme größer, zumal selbst Berufsorchester mit vielen Werken der russischen Literatur beträchtliche Schwierigkeiten haben. Umgekehrt muß ich selbst bei unseren Orchestern hart arbeiten, um den spezifischen Charakter eines Stückes von Berlioz hervorzukehren. An jedem Detail feilt man bei Streichern am meisten. Erst recht bei einem neuen Ensemble, dessen Musiker aus den verschiedensten Richtungen stammen ... Was wir gleichwohl in dieser einen Probenwoche erreicht haben, ist phänomenal.“

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