Von Theodor Heuß

Der erste Vorsitzende der FDP, der bekannte süddeutsche Politiker Professor Dr. Theodor Heuß, nimmt Stellung zu der Neuordnung der Landesgrenzen, die im Südwesten Deutschlands durch die willkürliche Zoneneinteilung entstanden sind.

Das Kind muß ja schließlich einen Namen haben. Denn „Südwest-Staat“ ist ja offenkundig eine geschäftstechnische Behelfsfloskel, mit der man die historischen Namen wie Württemberg und Baden umgeht. Aber ihr geographischer Rationalismus besitzt keinen Anspruch auf Dauer, zumal in einer Landschaft, die so stark mit Geschichte und Romantik besetzt ist. Also muß etwas Neues gefunden werden. Willy Hellpach hat schon vor Jahren, als Leute mit etwas Phantasie die Zusammenlegung der beiden Gebilde aus Napoleons Hand forderten, den Namen „Rheinschwaben“ angeregt. Der hat viel für sich. Daß er etliches aus Franken mit umfaßt, kann nur die Stammesspezialisten stören. Die Franken in Aschaffenburg und die Schwaben in Augsburg haben es lernen müssen, und sie sind darüber hinweggekommen, seit 140 Jahren als „Bayern“ zu gelten.

Wir haben schon vor dreißig Jahren, als in Stuttgart und Karlsruhe die Monarchien verschwanden, gemeint, man solle die beiden Länder zusammenlegen. Das war voreilig gedacht. Denn die damaligen Sozusagen-Revolutionäre waren in concreto sehr konservativ. Die beiden Fürstenhäuser haben schlecht miteinander gestanden. Das färbte gelegentlich in sehr unleidlicher Art auch auf die amtlichen Beziehungen ab. Und eben in den Beamtungen verfilzte sich eine spezifische Staatstradition. Gewiß nicht bei ihnen allein: eine eigentümliche Leistung des 19. Jahrhunderts, in Baden mit etwas Liberalismus, in Württemberg mit wachsender Demokratie, war doch dies gewesen, einen spezifisch mittelstaatlichen Patriotismus zu erzeugen, eine seelische Gemeinschaft aus Territorien der buntesten Vergangenheit. Der Betrachter braucht von dieser Empfindungswelt nicht zuviel zu halten. Aber sie war, sie ist als eine Realität zu werten.

Ist sie es noch? Man weiß, durch die Besatzungsmächte ist die Problematik neu gestellt, und zwar sehr eigentümlich: die Amerikaner übernahmen den Nordteil der beiden Länder – die Autobahn nach München spielte in der Grenzziehung eine Rolle – und meinten: daraus lasse sich ein Staat machen. Was denn auch geschah. In der französischen Zone aber machte man zwei Staaten – jeder bekam auch seine eigenen Briefmarken, was die Einwohner selber weniger begeisterte als die Philatelisten. Tübingen und Freiburg etablierten ihre Regierungen, an ihre Spitze stellten sie einen „Staatspräsidenten“, als ob bei ihnen der Auftrag liege, in aller Beengung eine Staatstradition zu wahren. Das Gebiet hat also statt früher zwei jetzt drei voll ausgewachsene Regierungen und ein halbe noch dazu in Karlsruhe, für den „Landesbezirk Nordbaden“. Das Mißbehagen darüber, die Vorstellung von den zusätzlichen Kosten für die Parlamente, von der Doppelarbeit über den gleichen Gegenstand, die dazu die Rechtseinheit, etwa im Schulwesen, schon gefährdet hat, haben dem Gedanken, daß man das alles einfacher und billiger und zugleich wirkungskräftiger haben könne, Nahrung gegeben. Aber zwischen Erkenntnis des Notwendigen und Vollzug des Möglichen zeigten sich viele Klippen.

In den „Londoner Empfehlungen“ war, schier überraschend, die Einsicht zu lesen, daß die 1945 geschaffenen Länder in ihrem Bestand wie in ihrer Grenzführung keinen Ewigkeitswert besäßen ... Das Bonner Grundgesetz hat sich entschlossen, in einem Übergangsartikel die verfassungstechnische Behandlung des Falles zu erleichtern ... Auch aus dem gesamtdeutschen Aspekt würde die Flurbereinigung ein Glück sein ... Die Dinge im deutschen Süden werden einen anderen Rhythmus erhalten.