Auf die „Schwarze Nacht“ folgt der „Weiße Terror“

Von Gisela Mahlmann und Bernhard Hermann

Peking, im Juni

Das ist nicht mehr der Tiananmen-Platz, den wir während der letzten Wochen kennengelernt hatten – als Zentrum einer fröhlichen, selbstbewußten Massenbewegung, die dort zum Teil überaus phantasievoll Menschenrechte einforderte, mit Reden, Transparenten und Liedern für Freiheit und Demokratie stritt.

Heute hat der Platz eine verlogene, faschistische Pracht enfaltet: menschenleer, gesichert von Militärposten mit Maschinengewehren, einem Zaun aus Stacheldrahtrollen und rund siebzig aufgefahrenen Panzern. In der Abenddämmerung werden sie mit Planen abgedeckt. Es ist kalt geworden auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Nichts erinnert mehr an die bunte Zeltstadt, an die „Göttin der Demokratie“, die dem Portrait Maos am Tor des Himmlischen Friedens ein paar Tage lang Auge in Auge gegenüberstand. Keine dröhnenden Lautsprecherdurchsagen mehr, mit denen die haizimen, die „Kinder des Volkes“, Tag und Nacht aufgefordert wurden, Partei und Regierung zu vertrauen und an die Universitäten zurückzukehren. Statt dessen: Totenstille.

Von oben verordnete Wahrheit

Zwar sind die Soldaten fast nur noch im Zentrum Pekings zu sehen, aber die bleierne Ruhe hat sich über die ganze Stadt gelegt. Die Zeitungen drucken fast nur noch Meldungen der amtlichen Nachrichtenagentur Neues China ab. Die staatlichen Medien stehen voll im Dienst der Propaganda. Perfekt inszeniert, offenkundig von langer Hand vorbereitet: bis zu einer Stunde und länger ausgedehnte Nachrichtensendungen, die bis zum Erbrechen wiederholt werden. Mehr auf Verwirrung als auf Klärung des Geschehens angelegt, hämmern sie dem Volk vor allem eine Botschaft ein: Die eigentlichen Märtyrer des „Pekinger Frühlings“ sind die vielen tapferen Soldaten der Volksbefreiungsarmee. Lautsprecherwagen fahren durch die Stadt, warnen vor falschen Gerüchten, verbreiten die von oben verordnete Wahrheit. Im Fernsehen werden schreckliche Bilder gezeigt, von verkohlten, verstümmelten Soldaten, aus deren aufgeschlitzten Leibern die Gedärme quellen. Schlachten, die die Bevölkerung gegen die Armee geschlagen hat, brutale Szenen von Steinigungen, brennende Militärlastwagen und Panzer.