Von Johannes Voswinkel

Jeden Morgen läuft Peter Schnittgard die 300 Meter von seinem Haus zu den Dünen und schaut ängstlich auf den Westerländer Strand. Vor toten Seehunden und abgestorbenen Algen graust es dem Kurdirektor der östlichen Dörfer Sylts, nachdem im letzten Sommer Robben im Todeskampf und Eiweißberge das Strandbild der nordfriesischen Inseln bestimmten. Zumindest in der Presse. Die Fernsehleute hätten ja extra Robbenkadaver an den Strand geschleppt für ihren Film, empört sich der Kurdirektor. "Das ist doch nicht schön, so was!"

Besonders fürs Geschäft ist das nicht schön. Das Bild der siechen Nordsee hat im letzten Jahr zumindest viele Spontanurlauber vom Trip auf die nordfriesischen Inseln abgehalten. Das traf den Lebensnerv von Föhr, besonders aber Sylt und Amrum, wo der Fremdenverkehr und Kurbetrieb alle anderen Wirtschaftsbranchen zur Bedeutungslosigkeit schrumpfen läßt.

Die Inseln blasen nun, endgültig wachgerüttelt, die Posaune des Umweltschutzes, oft zusammen mit jenen, die noch vor einigen Jahren von vielen Tourismusmanagern und Lokalpolitikern als "grüne Spinner und Schwarzmaler" verhöhnt wurden. Zwar mag mancher noch immer nicht die toten Robben beim Namen nennen, wie der Föhrer Amtsvorsteher Nickels Olufs, der schamhaft von "den Dingen" spricht, "die nun einmal da sind". Und ein wenig von der alten Taktik des Probleme-Versteckens blitzt noch auf, wenn Kurdirektor Schnittgard sagt, bei einem erneuten Ausbruch der Seehundseuche sollten die toten Robben besser um 4 Uhr morgens statt wie im letzten Jahr um 7 Uhr eingesammelt werden. "Aber wir wollen nichts verheimlichen oder beschönigen", fügt er schnell hinzu. Die neue Parole lautet Offenheit.

Am liebsten reden die Inselpolitiker und Kurdirektoren voller Offenheit darüber, was sie alles Gutes für die Umwelt tun: Die Kläranlage in Wyk auf Föhr besitzt eine Stufe zur Phosphatfällung und zur Umwandlung des fischgiftigen Sauerstofffressers Ammonium in Nitrat. Um nicht zur weiteren Überdüngung der Nordsee beizutragen, ist der Ausbau einer Denitrifikationsstufe geplant, wie sie bereits Kampen und Wenningstedt auf Sylt erhalten haben – als freiwilligen Beitrag der Gemeinden zum Umweltschutz.

Die Einzelhändler Amrums haben Waschmittel mit Phosphat und FCKW-haltige Sprühdosen aus ihren Regalen verbannt und die Insel vom 1. Januar 1990 an zur plastiktütenfreien Zone erklärt: 100 000 Ersatzbeutel aus Baumwolle sind bereits geliefert und werden für 1,50 Mark pro Stück verkauft – 20 Pfennig davon erhält Greenpeace. Die grüne Tonne zur getrennten Müllsammlung steht in den Haushalten aller drei Inseln.

Viele Kurdirektoren und Bürgermeister unterstützen die Umweltschützer mit Worten und auch Taten. "Das eigene Haus wollen wir so auf Vordermann bringen, daß wir anderswo mit der Faust auf den Tisch hauen können", begründet Kurdirektor Schnittgard das Engagement der Bädergemeinschaft Sylt, die sich seit März eine ABM-Stelle für Claudia Gallikowski als Umweltschutzbeauftragte leistet. Die engagierte Greenpeacerin nimmt kein Blatt vor den Mund, denn Reden und Überzeugen sind ihre einzigen Waffen als Umweltschutzberaterin.