Fünfundzwanzig ehemalige politische Gefangene in Indonesien, die nach ihrer Entlassung in eine abgelegene Gegend verbannt worden waren, gründeten dort 1982 eine Fischbrut- und Garnelenzucht. In den ersten Jahren lief alles gut, sie bauten sich und ihren Familien eine neue Existenz auf und wurden in den fremden Dörfern heimisch. Das Projekt finanzierten unter anderen Geldanleger aus Europa und Amerika, denen derartige Investitionen sinnvoller erscheinen als die Jagd nach möglichst hohen finanziellen Erträgen. Die Anleger hatten Anteile der Ökumenischen Entwicklungsgenossenschaft EDCS erworben, die mit dem Geld ihrer Anteilseigner Entwicklungsprojekte unterstützt, die in erster Linie „armen und benachteiligten Menschen“ zugute kommen sollen. 1982 betrug das Anteilskapital noch 8 Millionen Dollar, heute sind es schon 26,4 Millionen, umgerechnet fast 53 Millionen Mark. Doch die einst erhofften Großanlagen der reichen Kirchen blieben bisher aus – getragen wird die Genossenschaft vor allem von Privatleuten mit oft geringem Einkommen.

Die Geschichte der EDCS reicht zurück bis in die Zeiten der Großdemonstrationen gegen den Krieg in Vietnam. Damals wuchs in den Kirchen vieler Länder die Kritik am Umgang mit den eigenen Geldreserven. Kirchengelder sollten nicht länger Unternehmen zugute kommen, die an Kriegen oder Geschäften mit Südafrika verdienten. Eine Kommission des Ökumenischen Rates der Kirchen prüfte deshalb, wie das kirchliche Investitionskapital für Entwicklungsaufgaben eingesetzt werden könnte, und empfahl schließlich nach einigen Jahren den Aufbau der Ecumenical Development Cooperative Society (EDCS). Im November 1975 wurde die EDCS dann offiziell in Rotterdam gegründet; in Holland, weil die dortige Bankenaufsicht das Konzept billigte und weil die Regierung die Gewinne von Steuern befreite. Schon bald zeigte sich, daß von der Aufbruchsstimmung der späten sechziger Jahre und dem Willen, neue Wege zu gehen, auch in den Kirchen nicht viel geblieben war. Selbst jene, die die Gründung der EDCS unterstützt hatten, ließen ihr Geld jetzt doch bei den alten Banken. Die Bereitschaft, Kapital für Arme und Benachteiligte zu investieren, war so gering, daß das Startkapital der EDCS von vierzig Millionen Dollar erst auf fünf Millionen und dann auf eine Million Dollar verringert werden mußte, um überhaupt beginnen zu können.

Daß die EDCS ihre Arbeit fortsetzen konnte trotz der Zurückhaltung der offiziellen Kirche, verdankt die Gemeinschaft engagierten Basisgruppen und Einzelpersonen, die in Europa, in den Vereinigten Staaten und in Kanada Förderkreise gründeten. Diese übernahmen praktisch die Marketingarbeit der Bank und sorgten für immer mehr Anteilskäufer. Heute stammen nur noch 27 Prozent des gesamten Kapitals direkt von Kirchen oder kirchlichen Einrichtungen, den Rest haben die Förderkreise beschafft. In der Bundesrepublik sieht das Verhältnis noch krasser aus. Von den 17,3 Millionen Mark, die von der Bundesrepublik aus der EDCS bis Ende 1988 zur Verfügung gestellt wurden, entfallen 16,8 Millionen Mark auf die sieben deutschen Förderkreise. Mit gut sieben Millionen Mark das höchste Aufkommen erzielte dabei der Südwestdeutsche Förderkreis (c/o Zentrum für Entwicklungsbezogene Bildung, Gerokstraße 17, 7000 Stuttgart 1, Telephon 07 11 /210 50 57). Die übrigen EDCS-Mitglieder, darunter mehrere Landeskirchen, bringen es nicht einmal auf eine halbe Million. Allerdings gehören auch den Förderkreisen kirchliche Institutionen und religiöse Orden an, doch kommt von ihnen weniger als ein Drittel des aufgebrachten Kapitals.

Insgesamt zählte die EDCS zum Jahresende 1988 in der Bundesrepublik 3464 Anteilseigner, davon 2654 Einzelpersonen. Der Kauf- und Verkaufspreis für einen Anteil beträgt 500 Gulden beziehungsweise 450 Mark. Hinzu kommt für Privatpersonen ein Mitgliedsbeitrag von zwanzig Mark für den Förderkreis. Je nach Geschäftsverlauf wird auch eine Dividende ausgeschüttet. Die zuletzt gezahlte liegt aber schon Jahre zurück und war mit zwei Prozent mehr als bescheiden. Die eigentliche Rendite für den Anleger – so ein EDCS-Faltblatt – besteht in der Teilhabe „an hoffnungsvollen Ansätzen für eine gerechtere Entwicklung, aber auch an den Problemen, mit denen Entwicklungsarbeit heute zu tun hat“.

Seit ihrer Gründung hat die EDCS an 91 Entwicklungsprojekte Darlehen ausgezahlt oder bewilligt. Eine Bienenfarm in der Türkei gehörte ebenso dazu wie eine Käsefabrik in Peru und eine Futtermühle in Sierra Leone. Doch arme und benachteiligte Menschen gibt es nicht nur in der sogenannten Dritten Welt. So unterstützt die EDCS in den Vereinigten Staaten ein Fischereiprojekt, „durch das arme Fischer versuchen, im Konkurrenzkampf mit (von der Regierung unterstützten) Großkonzernen zu überleben“, wie es in einer EDCS-Schrift heißt. Und im vergangenen Jahr bewilligte die EDCS einen Kredit an eine Alternativbank in Brooklyn, die sich um neue Wohnungen und Darlehen an Unternehmen im Besitz von Nichtweißen und Frauen kümmern will.

Das Engagement von EDCS ist nicht unumstritten. Gerade in den sowieso hoch verschuldeten Entwicklungsländern wird kritisiert, daß nun auch eine kirchliche Institution wie jeder weltliche Investor profitable Geschäfte betreibt und aus Darlehen, die in Devisen zurückgezahlt werden müssen, Gewinn ziehen will. Doch dem steht entgegen, daß die EDCS ihr Geld zu günstigeren Zinssätzen gewährt, als sie in den betroffenen Ländern üblich sind. Überdies wird davon ausgegangen, daß Darlehen auf lange Sicht häufig eine bessere Hilfe zur Selbsthilfe sein können als Spenden oder Schenkungen. Kredite werden deshalb nur an Projekte vergeben, bei denen absehbar ist, daß sie sich in geraumer Zeit selbst tragen.

Dennoch sind Investitionen in Entwicklungsländern mit besonderen Risiken verbunden – etwa emporschnellenden Inflationsraten, innenpolitischen Veränderungen oder Naturkatastrophen. Auch die ehemaligen politischen Gefangenen in Indonesien wurden 1986/87 durch eine Überschwemmung in ihrer Arbeit weit zurückgeworfen und gerieten mit Zins- und Tilgungszahlungen in Verzug. Solche Probleme kann die EDCS über Rücklagen auffangen. Doch „der Erfolg unserer Genossenschaft“, so der jüngste Jahresbericht, „hängt ab vom Erfolg unserer Projekte; das bedeutet eine Umkehrung der Machtverhältnisse, die normalerweise in den Beziehungen zwischen Armen und Reichen üblich sind. Dies ist Teil der Realität einer neuen Wirtschaftsordnung.“

Solidus