Student zu mieten

Von Judith Reicherzer

Seit ein paar Wochen kennen die Spitzenleute der großen deutschen Unternehmen den Namen Klaas Hübner. Ob Gerling-Konzern oder PreussenElektra, der künftige VW-Manager Daniel Goedevert oder der Vorstand der Deutschen Bank, Eckard van Hooven, sie alle stehen in Kontakt mit dem 22jährigen Studenten, der in Jeans, Jackett und Krawatte zu den Verhandlungen fährt. Es geht ums Geld. Klaas Hübner braucht bis zum 14. Juli 2,3 Millionen Mark.

Er will das Geld nicht für sich und auch nicht für die Kommilitonen, die mit ihm durch die Republik reisen und Spenden sammeln. Die Studenten wollen eine eigene Hochschule gründen und sie mit Hilfe der Wirtschaft finanzieren.

Bisher haben die 67 jungen Frauen und Männer an der Nordischen Universität in Flensburg Wirtschaftswissenschaften studiert. Doch der wurde zum Ende des laufenden Sommersemesters die staatliche Anerkennung entzogen. Seitdem ist das Studium zur Nebensache geworden, die Finanzierung der eigenen Uni und damit die Verwirklichung ihrer Ideale steht für die Studenten im Vordergrund. "Sie wollen ein Land erneut aufbauen, wir eine Universität", schrieben sie Anfang Juni an Björn Engholm, den Ministerpräsidenten von Schleswig-Holstein, und baten ihn um seine Unterstützung.

Vor drei Jahren hatten sich die ersten Studenten in Flensburg an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät immatrikuliert. Sie wollten mehr als ‚das Schmalspurstudium an den großen Unis". An der kleinen privaten Hochschule wurden sie nicht nur in Wirtschaft unterrichtet, sie hörten auch Vorlesungen in Kulturwissenschaft und legten großen Wert auf den Bezug zur Praxis. Während die Wirtschaftsstudenten in München oder Mannheim gerade einmal die Mikrophonstimme ihres Prozessors kannten, die von einem überfüllten Hörsaal in den anderen übertragen wurde, saßen die Flensburger in kleinen Gruppen zusammen. Sie diskutierten mit ihren Dozenten, "und natürlich gehen wir nach den Vorlesungen gemeinsam auf ein Bier oder zum Essen", sagt Klaas Hübner.

Eine private Idylle am Rande der Hochschullandschaft, die nicht lange währte. Im Frühjahr teilte die schleswig-holsteinische Landesregierung der Nordischen Universität mit, daß die vorläufige staatliche Anerkennung im Juli zurückgezogen und die öffentliche Förderung dann eingestellt werde. Die kleine Universität war pleite.

1985 hatten die Gründer gehofft, die Hochschule könne sich selbst finanzieren. Sie rechneten mit Honoraren aus Forschungsprojekten und mit Spenden aus der privaten Wirtschaft. Auch die CDU-Regierung in Schleswig-Holstein stand hinter dem Konzept und erklärte sich bereit, Geld zu geben.

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Doch dann waren die Anlaufkosten wesentlich höher als vorgesehen, die Forschungsprojekte ließen auf sich warten, und auch die Wirtschaft zeigte sich weniger großzügig als erhofft. Schon Ende 1987 bewahrte nur eine Finanzspritze aus Kiel die Nordische Universität vor dem finanziellen Ruin.

Dann kam der Regierungswechsel in Schleswig-Holstein, und die SPD war den Flensburger Studenten lange nicht so wohlgesonnen wie noch die Regierung des Uwe Barschel. Sie wollte vor allem nicht mit immer mehr Geld vom Steuerzahler eine private Hochschule finanzieren.

Ministerpräsident Björn Engholm knüpfte also feste Bedingungen an die weitere Unterstützung: Mindestens die Hälfte der laufenden Kosten müsse die Universität selbst aufbringen. Doch Ende des vergangenen Jahres belegte ein Gutachten der Fraunhofer-Gesellschaft, daß die Nordische Universität unter diesen Voraussetzungen keine Überlebenschance habe. Die Münchner Gutachter kamen zu dem Schluß, der Lehr- und Forschungsbetrieb sei nur bei einer öffentlichen Förderung von zehn Millionen Mark jährlich aufrechtzuerhalten.

Da machte die Landesregierung nicht mehr mit. Im April erfuhren die Studenten, daß sie zum Wintersemester auf staatliche Hochschulen wechseln sollten. Akzeptieren konnten die angehenden Ökonomen aber nur die wirtschaftlichen Argumente der Kieler Entscheidung: "Wir haben nichts dagegen, daß die NU in dieser Form zerschlagen wurde", sagt Klaas Hübner. "Da war alles viel zu verfilzt, die finanziellen Konzepte wurden nie deutlich aufgedeckt." Nicht akzeptiert haben die Studenten dagegen, daß sie ihr Studium fundamentale, ihre "Vision des neuen Wirtschaftsstudiums" aufgeben sollten. Sie begannen, ein Finanzierungskonzept für eine eigene Universität, die Deutsch-Skandinavische Handelshochschule zu entwickeln.

Das Studium dort soll stärker auf die skandinavischen Länder ausgerichtet sein, die Hochschule zum Mittler zwischen der Bundesrepublik und Skandinavien werden.

Die Studenten denken etwa an eine Kooperation mit den Hochschulen in Göteborg und Stockholm. "Unsere Naivität, unsere Unschuld und unser Einsatzwillen überzeugten mehr als Titel, Ränge oder der Nadelstreifen eines gestandenen ‚Alt-Managers‘", schrieben die Studenten dem Ministerpräsidenten. Sie haben die Wirtschaft mit ihrem Engagement tatsächlich beeindruckt. Tyll Necker, Geschäftsführer der Hako-Werke und Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI), steht hinter der Initiative, und auch Christian Dräger, Vorstandsvorsitzender der Drägerwerke, findet das Konzept "bewunderungswürdig und unterstützenswert". Vor allem die Idee des rent a Student gefällt ihm. Für 12 000 Mark im Jahr übernehmen dabei Unternehmen die Patenschaft für einen Studenten an der neuen Hochschule, im Gegenzug ist der Student dafür bereit, drei Monate im Jahr für das Unternehmen zu arbeiten. Die Industrie wolle damit nicht nur "eine mildtätige Spende leisten", sagt Gerald Söhlemann von der Commerzbank. Die Handelshochschule könne durchaus zu einer Kaderschmiede werden, das breitangelegte Studium sei dem Unternehmertum sehr zuträglich.

Dreizehn Patenschaften haben die Studenten bisher von verschiedenen Unternehmen fest zugesagt bekommen. Jetzt hoffen sie, daß auch Eckard van Hooven von der Deutschen Bank sie unterstützt. "Wenn der mitmacht, werden sich auch viele jetzt noch unentschlossene Unternehmen zu einer Patenschaft bereiterklären", glaubt Klaas Hübner.

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Neben den Patenschaften haben die Flensburger bisher 350 000 Mark an jährlichen Spenden versprochen bekommen, in den vergangenen Wochen habe sich eine "wahnsinnige Dynamik" entwickelt. Klaas Hübner rechnet damit, daß es jetzt Schlag auf Schlag geht. Dennoch bleibt er realistisch. Es sei schon sehr schwer, 2,3 Millionen Mark zu sammeln. Bis zum Jahresende hätten sie es wohl geschafft, aber daß sie das Geld bis zum 14. Juli zusammenbekommen, "dafür stehen die Chancen vierzig zu sechzig".

"Wenn wir erst mal fünfzig Prozent der Finanzierung gesichert haben, werden wir zur Landesregierung gehen", sagt Hübner. "Dann hoffen wir, daß die auf ihren alten Vorschlag von fünfzigfünfzig einspringen." Doch Joachim Kreyenberg, Staatssekretär im Kultusministerium in Kiel, ist sehr skeptisch. "Man wiederholt doch alte Fehler nicht", sagt er. Deshalb werde das Kultusministerium diesmal das Konzept außerordentlich gut prüfen, und das würde dauern. Zudem kommt erschwerend hinzu, daß die Mittel, die für die Nordische Universität im Haushalt eingeplant waren, mittlerweile vergeben sind. "Ich habe alles bei der Fachhochschule Flensburg angelegt", sagt Kreyenberg, "ich habe null Pfennig übrig." Außerdem könne man nicht mit zwei Millionen eine Hochschule betreiben, da brauche man zwanzig Millionen.

Daß die Studienplätze an der Universität äußerst billig sind, findet auch Gerald Söhlemann. Doch der Bankfachmann hat das Konzept geprüft und hält die Kalkulation für realistisch. Auch die Initiatoren der Deutsch-Skandinavischen Handelshochschule sind von der Qualität ihres Finanzierungskonzepts überzeugt. In den vergangenen Wochen haben sie zudem mehr als 700 Anfragen von Studienanfängern bekommen, die sich für die Immatrikulation an der neuen Hochschule interessieren. "Selbst wenn wir hier scheitern, werden wir irgendwann doch eine solche Hochschule aufbauen, die Idee wird nicht scheitern", glaubt Klaas Hübner.

Fürs erste haben die Wirtschaftsstudenten vorsorglich drei Kommilitonen damit beauftragt, die Alternativen an anderen Hochschulen zu prüfen. Lüneburg und Kiel haben versprochen, die Flensburger zu akzeptieren. "Wir hätten schon Lust, die Studenten bei uns zu haben, die sind gut", sagt Professor Jürgen Hauschildt, Dekan der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät in Kiel. Zwar sei bei den Betriebswirten kein Platz mehr, aber im Bereich Volkswirtschaft und Sozialökonomie seien noch Kapazitäten frei. "Alle 67 Studenten könnten dort unterkommen." Das Vordiplom werde anerkannt, und im Rahmen einer Sonderaktion könnten die Studenten bereits im Wintersemester anfangen.

"Nur für drei, vier Leute von uns ist Kiel ein Thema", glaubt dagegen Martin Metzger, einer der Organisatoren in Flensburg. Zunächst sei eben für die meisten die Deutsch-Skandinavische Handelshochschule erstes Ziel, der Rest sei Risiko. "Für diese Uberzeugung ... ‚opferten‘ wir mit Freude unseren geraden Karriereweg", steht in dem Schreiben an Engholm. Doch die Karriere ist den engagierten Nachwuchsökonomen fast sicher. "Alle, die ihr Vordiplom haben, haben mindestens ein Angebot aus der Wirtschaft in der Tasche", behauptet Klaas Hübner. Sogar er habe nach dem zweiten Semester bereits eine gute Stelle in Aussicht.