Berlin, im Juni

Die Halleluja-Chöre sind verstummt, die Fahnen mit dem violetten Kreuz eingerollt, die Müllberge weggeschaufelt: Der 23. Deutsche Evangelische Kirchentag ist zu Ende. Nun dürfen auch jene Berliner wieder aufatmen, die die Allgegenwart der wallfahrenden Protestanten als beengend empfanden und mit einem ganz und gar unbiblischen Spruch kommentierten: „Geh doch nach oben“, hieß es in Abwandlung der unduldsamen Aufforderung, nach drüben, auf die andere Seite der Mauer zu gehen.

Fast 154 000 Dauerteilnehmer und Tausende von Kurzbesuchern haben vier Tage lang gebetet und gesungen, meditiert und diskutiert. Ein rauschendes Festival des Glaubens, das die ernüchternden Fakten des kirchlichen Alltags vergessen machte. Denn in der Mauerstadt sind die normalen Gottesdienste so schlecht besucht, daß manche Gemeinden in kleinere Räume umziehen, um sich nicht gar so verloren zu fühlen. Um 37 Prozent schrumpfte seit 1950 die Zahl der evangelischen Christen an der Spree. Die amtliche Statistik belegt den Aderlaß beider großen Kirchen: In einem Viertel wie Kreuzberg bekennt sich die Mehrheit von 52 Prozent zu „sonstigen Religionsgesellschaften“. Dort sind die Moscheen voll, die Kirchen leer. Man kann sie kaufen. Und Berlin bietet nur ein besonders krasses Beispiel für die Lage des westdeutschen Protestantismus.

Das „Ende der protestantischen Ära“, von Paul Tillich vor einem halben Jahrhundert prognostiziert, kündigt sich demoskopisch an – darüber täuscht alle auf Kirchentagen zelebrierte Lebendigkeit nicht hinweg. Allein, bei einem solchen Großereignis lassen sich volkskirchliche Tatsachen leicht verdrängen: Das Nachdenken über die Zukunft des Protestantismus fand in kleineren, mäßig besuchten Kreisen statt.

Der Protestantismus – eine „schillernde Größe“ voller Widersprüchlichkeiten. „Besitzt er noch die Kraft zum prophetischen Protest, zur kritischen Auseinandersetzung mit der kulturellen Dynamik?“ fragte der Bochumer Theologe Konrad Raiser. Artet er „in kulturellen Aktivismus oder moralische Selbstgerechtigkeit“ aus?

Zeichen der Krise: Ein gemeinsames Selbstverständnis des Protestantismus, mit dem die Kirchentage einst aufgebrochen waren, existiert nicht mehr; die Kirchenaustritte und eine Art „Privatchristentum“ nehmen in dem Maße zu, wie die gesellschaftliche Bedeutung des Konfessionellen abnimmt; viele Mitglieder verhalten sich distanziert und werden zu passiven Kirchensteuerzahlern, die im öffentlichen Diskurs längst nicht mehr zu ihrem Glauben stehen; die klassische protestantische Ethik hat als Erziehungsziel abgedankt. Das Sprechen zu Gott erscheint vielen als sinnlos.

Der Innovationsdruck, dem Glaubensgemeinschaften in einer säkularisierten Welt ausgesetzt sind, wirkt auf die verfaßte Kirche wie eine Zentrifugalkraft. Sie ist in der Sehnsucht nach neuer Spiritualität ebenso zu spüren wie im Beharren auf alten Dogmen. Zwischen Messehallen und Funkturm begegneten sich auf dem Kirchentag evangelikale Eiferer, die verbissen herkömmliche Positionen verteidigen, und aufmüpfige Gruppen, die den „Ballast der Tradition“ abwerfen wollen. Es gehe um „den Kampf zwischen Himmel und Hölle – nicht um eine Bürgerrechtsbewegung“ mahnen konservative Vertreter der Evangelischen Sammlung. „Wir müssen uns noch mehr einmischen, um drängende Probleme zu lösen“, fordern ungeduldige Jugendliche (25 Prozent der Teilnehmer waren unter 18, fast zwei Drittel jünger als dreißig Jahre). Für weltoffene Kirchenführer bilden „fromm und politisch“ freilich keinen Gegensatz. Die Wahrnehmung politischer Verantwortung sei von der Verkündigung des Evangeliums nicht zu trennen, erklärte Präses Jürgen Schmude. „Man verschone uns mit dem Verweis auf die ‚gute alte Zeit‘, in der die Kirche angeblich nur Kirche war und sich aus der Politik herausgehalten hat. Das ist ein entstelltes Bild.“