Gleichwohl glaubte mancher Beobachter eine Tendenz der Entpolitisierung auszumachen. Dieser Eindruck mag im Augenschein einer hölzernen Gebetswand, an die die Teilnehmer ihre gesammelten Sorgen heften konnten, entstanden sein. Quersumme der Bitten: Oh Gott, hilf China und Tante Heidi. Auch manches Podium über sperrige politische Themen fand wenig Anklang. Die Halle, in der die Schuldenkrise zur Debatte stand, war halb leer, während die Veranstaltung nebenan wegen Uberfüllung geschlossen wurde. Hier ging es um die Leibfeindlichkeit der Kirche.

Das protestantische "Prinzip Verantwortung" läßt sich um so weniger einlösen, je komplexer die Gegenstände und je undeutlicher die persönlichen Verstrickungen werden. Die Folgen brachte der Berner Theologe Christian Link auf den Satz, daß sich der "religiöse Impuls" angesichts der Bedrohung von außen nach innen richte. Dieses metaphysische Bedürfnis stößt gleichsam auf Versorgungslücken im Unternehmen Volkskirche. Also suchen vor allem enttäuschte Jugendliche nach Alternativen, die in den 80er Jahren unter dem Firmenschild New Age feilgeboten werden. Ein Religionsphilosoph prägte dafür den treffenden Begriff "Coca-Cola-Religiosität". Ob man die Abtrünnigen mit experimentellen Liturgieformen wieder in den Schoß der Mutter Kirche zurückholen, ob man die Unzufriedenen mit postmodernen Clustergebeten darin halten kann?

Und wie sollte selbst ein modernisierter Protestantismus jener nicht nur lähmenden "zweiten Unmündigkeit" begegnen, die Johann Baptist Metz beklagte? Der katholische Vordenker der politischen Theologie geißelte unser "Krisengewöhnungsdenken" im voyeuristischen Umgang mit der Weltwirklichkeit, die Kluft, die sich "zwischen informiertem Bewußtsein und handelndem Beistand" auftut.

"Die Aufklärung zur Vernunft bringen", hieß das Motto einer Gesprächsrunde, in der Aufklärung ebenso platt verteufelt wie verteidigt wurde. Allein Metz entwarf in kluger Dialektik eine Perspektive jenseits dieser allzu simplen Haltungen. Nur eine sich erinnernde, vom Willen zur Macht entkleidete Vernunft, könne sich ihrer eigenen Verirrungen vergewissern.

Überhaupt war oft von Aufklärung die Rede, vom ganzheitlichen Denken, das notwendig sei, um die heraufdräuenden globalen Katastrophen zu bewältigen. Die Zuhörer fanden offenbar alle Standpunkte plausibel, denn sie beklatschten selbst die gegensätzlichsten Redebeiträge. Auch dieser Kirchentag war wieder ein Forum des Beifalls; vielleicht drückt sich darin jene Orientierungslosigkeit aus, die viele Teilnehmer unter seinen Fittichen vereint. Sinnstiftungen sind gefragt, Handlungsanleitungen gesucht: "Das Drängen auf entschiedene Uberzeugungen ist zu einem Merkmal der jüngeren Generation von Protestanten geworden", analysierte Konrad Raiser.

Auch die Jugendlichen nahmen sich die Losung des Kirchentages – "Unsere Zeit in Gottes Händen" – und die Predigt von Bischof Martin Kruse zu Herzen: "Redet euch nicht ein, diese Zeit sei den Händen Gottes entglitten, sie sei zu Boden gefallen, sie gehe zu Bruch und sei im Grunde ein großer Scherbenhaufen."

Am Anfang vereinzelte Zweifel, am Ende nur noch Zuversicht: Kirchentage waren in ihrer vierzigjährigen Geschichte immer auch Institution der massenhaften Selbstermutigung – gerade in Zeiten der Auf- und Umbrüche. Aber die "dialogische Kraft" dieser Mammutveranstaltung verpufft zusehends in einer Welt, an deren Entzauberung der protestantische Geist erheblichen Anteil hatte. In Kreuzberg, gleich hinter dem Künstlerhaus Bethanien, markierte ein Schild die Grenzen der Verständigung. Darauf stand: "Hier endet der christliche Sektor!"