Streitbare Begegnungen: Erstmals mußte eine Veranstaltung abgebrochen werden

Von Klaus Pokatzky

Die Pfadfinder lassen ihre Köpfe hängen. In ihren grünen Hemden, mit blauen Halstüchern, in kurzen Lederhosen oder Jeans sitzen sie, nicht viel mehr als ein Dutzend, auf den Holzbänkchen. Sie sind bedrückt, leiser Schock steht noch in den glatten Gesichtern, zwischen fünfzehn und zwanzig sind sie alt.

Die Pfadfinder haben eine Niederlage erlitten. Auf der Bühne direkt neben ihnen, Tausende sahen zu, wurde gerade die Entweihung des Kirchentages vollzogen. Und die grünen Hemden konnten die schlechte Tat nicht verhindern. Kurz vor elf saßen sie noch auf den Stufen, die zur Bühne führen. Die Gesichter trotzig angespannt. Oben auf dem Podium sollte ab elf diskutiert werden, unter Beteiligung des Publikums, Thema: "Menschenrechte sind unteilbar". Halle 25 auf dem Berliner Messegelände war zwar nicht überfüllt, doch einige Tausend waren gekommen.

Rechts außen sonnte sich, bleich und grimmig, Jörn Ziegler von der "Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte" (IGfM) im Blitzlichtgewitter der Photographen, gegen dessen Teilnahme an der Diskussion seit Tagen auf dem Kirchentag die heftigsten Flugblätter verteilt worden waren. Vor den ersten Zuschauerreihen hatten sich ein paar Dutzend Leute aufgebaut, die es bei Flugblättern nicht belassen wollten. Sie blicken entschlossen. Draußen scheint die Sonne, Mannschaftswagen der Berliner Polizei stehen ein paar hundert Meter weiter vor dem Eingang zum Messegelände, in Halle 25 herrschen Neugier, Erwartung, Spannung.

Um elf bittet der Heidelberger Theologieprofessor Wolfgang Huber, einer der drei Präsidenten des Kirchentages, zunächst um eine Gedenkminute für die Opfer der Massaker in China. Die ist noch nicht herum, da johlt und pfeift es vereinzelt gegen die andächtige Stille. Im Laufschritt, mit Kuhglocken und Trillerpfeifen, traben zwanzig Leute in Kampfanzügen aus dem Second-Hand-Shop, mit Fliegerbaretts und Sonnenbrillen, es soll ein Happening sein, durch die Menge und stürmen, unterstützt von den entschlossen Blickenden, die ganz vorn stehen, die Bühne. Die Pfadfinder, die auf den Stufen sitzen, werden überrannt, getreten, weggeboxt. Was man bei den Geländespielen in Lagerfeuernähe lernte, kann gegen das Training in Kreuzberger Nächten nicht bestehen.

Transparente werden hochgehalten: "IGfM unterstützt Mörderbanden", "Pathetisch für die Menschenrechte, praktisch für den Contra-Terror". Ein Sprechchor: "Hoch die Internationale Solidarität." Sympathisanten der IGfM erklimmen ebenfalls das Podium, halten weiße Tücher mit der Aufschrift "Helft verfolgten Christen" über ihre Häupter und singen aus Protest "Hallelujah". Tausende singen mit. Auf der Bühne wogen die Leiber von vielleicht 200 Menschen mit verschiedenen Auffassungen und einem unterschiedlichen Verhältnis zur Gewalt. Rangeleien. Eier und Farbbeutel werden gegen den IGfM-Sprecher Ziegler geworfen. Jemand tritt ihm in den Hintern. Die Pfadfinder können ihn durch einen Hinterausgang in Sicherheit bringen, bevor noch Schlimmeres passiert. Drei Stunden später wird er auf der Pressekonferenz des Kirchentages, bleich und ruhig, Fragen stellen.