Warum ein geschiedener Mann nicht Bundesschützenkönig werden darf

Viersen

Bislang galt der „Bund der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften“ als eine Art Bollwerk in schnellebiger Zeit. Im Gegensatz zum Deutschen Schützenbund, dessen Mitglieder sich ausschließlich Schießsport und Schützenfesten widmen, fühlen sich die 600 000 Brüder (und zunehmend auch Schwestern) der Schützenbruderschaften einer „christlichen Lebensführung“ verpflichtet. Leitmotiv: „Für Glaube, Sitte, Heimat.“

Doch nun trat ein, was der stellvertretende Bundesschützenmeister Hermann Macher bereits zuvor befürchtet hatte, nämlich die „totale Verweltlichung unserer Bruderschaften“. Erster Höhepunkt: Bundesschützenkönig des letzten Jahres wurde ein Geschiedener, Manfred S. aus Wipperfürth. Damit nicht genug: Zum Bundesköniginnentag, der kürzlich in Viersen stattfand, brachte er seine Verlobte mit. Das mochten die Schützenbrüder dann nicht mehr mitmachen, sie verwehrten der Braut des Geschiedenen Krone und Schärpe. Der Bundesköniginnentag mußte ohne Bundeskönigin stattfinden. Statt der Königin hielten Maria-Theresia Gräfin Spee, die Frau des Hochmeisters der Schützen und Mutter von sieben Kindern, sowie Veronika Carstens, die Frau des früheren Bundespräsidenten, die Ansprachen.

So weit konnte es kommen, weil sich die Bruderschaften – ihre Anfänge reichen ins 12. Jahrhundert zurück – immer mehr „liberalisiert“ hatten, wie es Geschäftsführer Wolfgang Leweke ausdrückt. Zwar schreibt das Bundesstatut verbindliche Verhaltensregeln vor und fordert beispielsweise von jedem Mitglied „das Bekenntnis zum christlichen Glauben durch aktive religiöse Lebensführung“ sowie „das Eintreten für christliche Sitte und Kultur im privaten und öffentlichen Leben“. Aber die einzelnen Bruderschaften sind in ihrem Bereich autonom und haben in der Vergangenheit auch schon mal einen Geschiedenen zum lokalen Schützenkönig gekürt – mit dem Segen des Präses. Das ist der örtliche katholische Pfarrer, der in der Bruderschaft stets das letzte Wort hat und zum Beispiel die Krönung eines Schützenkönigs verweigern kann.

So war es nur eine Frage der Zeit, bis ein Geschiedener oder jemand, der ohne Trauschein mit einer Partnerin zusammenlebt, Schützenkönig auf Bezirks-, Diözesan- oder auf Bundesebene wurde. Viele Bruderschaften forderten, wer bei ihnen im Ort König geworden ist, müsse dieses Amt auf allen Ebenen erringen dürfen. „Die haben ihre Anwärter als ledig angemeldet“, empört sich Leweke. „Aber das stimmte nicht, gesetzlich vielleicht, aber kirchenrechtlich nicht.“ Ihm tue es nur leid, sagt er, daß die ganze Diskussion nun auf dem Rücken des amtierenden Bundesschützenkönigs Manfred S. ausgetragen werde: „Das ist mir für den Mann sehr unangenehm, der ist sozial so engagiert.“ Aber eben geschieden. Johannes van der Vorst, Präses des Bezirks Mönchengladbach mit rund 20 000 Schützen, meint: „Schützen sind feste Stützen der Kirche. Deshalb muß der König Vorbild sein. Da müssen wir darauf achten.“

Bundesschützenmeister Macher teilte unlängst mit, wie sein Bund es künftig mit den „unterwegs Verunglückten“, wie er die Geschiedenen nennt, halten wolle: „Unsere Toleranz lautet: Bleibe in der Gemeinschaft, damit wir dir brüderlich Hilfe geben können, wie sie der gute Hirte dem verlorenen Schaf gewährt.“ Im Gegenzug wird „ein hohes Maß an Zurückhaltung verlangt, die das Streben nach Ämtern, auch das zum König, unmöglich macht“.

Auf jeden Fall würde Macher „es für höchst unchristlich halten, wenn das Statut die Grundlage bieten würde für eine Gesinnungsschnüffelei, möglichst bis in die Schlafzimmer hinein“. Geschäftsführer Leweke bestätigt: „Wir wollen nicht jedem unter die Bettdecke gucken.“