Von Hansjakob Stehle

Was wäre, wenn Denker, nicht Macher an die Macht kämen? – Eine ziemlich platonische Vorstellung. Und – so unken die Realpolitiker – nicht einmal eine schöne. Vielleicht ist deshalb ein Philosoph wie Gottfried Wilhelm Leibniz, dessen universales, über alle nationalen Grenzen hinaus wirkendes Denken in der europäischen Geistesgeschichte vielfältige Spuren hinterließ, als Politiker nahezu vergessen. Dabei sah er all seine ganze Arbeit als Historiker, Jurist, Ökonom, Sprachforscher, Diplomat, Physiker und Religionsphilosoph, ja sogar als Mathematiker letztlich auf ein einziges Ziel gerichtet: „Da ich alles auf irgendeinen Nutzen auszurichten pflege, habe ich mehr Mühe auf die Res publica, das Gemeinwesen, verwandt als auf kritische Spitzfindigkeiten ... Man soll nicht nur reden, ja nicht nur denken, sondern practice denken – das ist: tun als wenn’s wahr wäre...“

Das hieß für Leibniz auch, daß er das Ideal der Harmonie, die er als einen „prästabilierten“, göttlich geordneten Zusammenklang von Unterschieden und Gegensätzen erkannte, aus den Wolken der Philosophie herabholen und auf die politische Wirklichkeit seiner Zeit übertragen wollte: als Vereinigung von Theorie und Praxis, als richtige „Proportion zwischen Verstand und Macht“ und ganz konkret als Friedensordnung in einem Europa, das gerade – zwei Jahre nach Leibniz’ Geburt 1646 – einen dreißigjährigen „Weltkrieg“, einen Religionskrieg hinter sich hatte.

Das konfessionelle Prinzip in der Politik war buchstäblich zu Tode geritten worden, das Mittelalter war nun erst eigentlich zu Ende, und die Aufklärung schien der Vernunft eine Chance zu geben – auch in der Politik? Ließ sich jedoch dieses auch geistig verwüstete Europa ganz ohne überweltliche, moralische Orientierung, gleichsam nach mathematischen Gesetzen, more geometrico, ordnen und regieren? Auch die neue Staatsraison des absolutistischen Herrschers konnte ja nicht ganz auf die religiöse Gloriole verzichten, auch sie bedurfte eines „Überbaus“. Vielfältig, spannungsreich wirkten überkommene Ideen noch in die neue Epoche hinein – nicht zuletzt die des „Reiches“, des alten Imperiums, das auf deutschem Boden formal weiterbestand. Zwar war der Kaiser in Wien als solcher machtlos, der Reichsverband in souveräne Einzelstaaten zersplittert, und neue Rivalitäten, „kalte“ und „heiße“ Kriege bedrohten das, was – freilich nie ganz idyllisch – die europäische „Christenheit“ gewesen war. Aber der Reichsgedanke, als Chiffre eines übernationalen Zusammengehörens, einer nicht macht-, aber ordnungspolitischen Werte-Gemeinschaft war nicht tot. Er faszinierte Leibniz, den jungen Rechtsgelehrten und Philosophen. Gerade weil auch er an die Vernunft glaube, wollte er sich nicht damit abfinden, daß – wie Thomas Hobbes 1651 meinte – „der Krieg aller gegen alle“ der menschlichen Natur entspreche, die deshalb durch ein allmächtiges Staatsungeheuer gebändigt werden müsse. „Wer von den wahren Grundsätzen des Naturrechts in Politik, Moral und Theologie durchdrungen ist, der ist der wirkliche Philosoph des Rechts, der Priester der Gerechtigkeit, dem allein auch der Staat anvertraut werden kann“, so schrieb der 21jährige Leibniz. Das klingt jugendlich-schwärmerisch, doch eben dies bewog ihn schon bald, sich von einer „Gelehrsamkeit, die mehrenteils in leeren Gedanken, Schulgrillen ohne Erfahrung, Tat und Wirklichkeit besteht“, abzuwenden, eine angebotene Professur auszuschlagen und – in die Politik zu gehen.

Als Kurfürstlicher Rath am Hofe Johann Philipp Schönborns in Mainz gerät Leibniz 1670 in ein Spannungszentrum europäischer Auseinandersetzungen. Schönborn sieht sich durch seine Mittelstellung am Rhein zwischen den beiden Rivalen, dem Frankreich des „Sonnenkönigs“ und der entstehenden österreichisch-habsburgischen Großmacht, zu einer Art Mittlerrolle berufen. Als Sicherheitsgürtel, der das Gleichgewicht in Europa erhalten sollte, hatte Schönborn die rheinischen Fürsten zu einer Allianz vereint und dabei nicht erkannt – wie Leibniz später schrieb –, daß dieser Rheinbund das Gleichgewicht in Europa zum Vorteil Frankreichs verändern mußte und zum Nachteil des Wiener Kaisers, der ja zugleich mit den angreifenden Türken zu kämpfen hatte. 1667 fällt Frankreich in den Niederlanden ein, der Rheinbund zerbröckelt. Schönborn orientiert sich nun mehr nach Wien, aber – so klagt verzweifelt sein Minister Boineburg – „es ist das alte Lied: die Deutschen schreien nur und tun nichts“, in Wien werde alles verschleppt, beim Reichstag, der jetzt in Regensburg „permanent“ dahinsieche, komme nichts heraus ...

Das Reich? Das sei nur noch „einem Monstrum ähnlich“, so stellt der Staatsrechtslehrer Samuel Pufendorf 1667 fest; Leibniz jedoch widerspricht der gesamten zeitgenössischen Publizistik: „Ich bin nicht davon abzubringen, daß das Reich wohlgeordnet ist. Sein Zustand ist zwar beschämend, aber nicht in der Verfassung, sondern bei uns selbst liegt die Ursache, bei der Unbekümmertheit (nonchalance), mit der man in Deutschland regiert ...“ Leibniz, konservativ und progressiv (wie man heute sagen würde), glaubt an geistige Kräfte, die im zerfallenen „Corpus Christianum“ dieses Europas ohnmächtig schlummern, aber durch moderne, praktisch-vernünftige Politik geweckt und genutzt werden könnten; er empfiehlt einen Mittelweg „zwischen der Scylla der Fahrlässigkeit und der Charybdis der Extremität“, um das neue Souveränitätsbewußtsein der Fürsten mit der überkommenen Reichsverfassung zu versöhnen.

In seinen Reformdenkschriften zuerst für den Mainzer Kurfürsten, dann ab 1676 als herzoglicher Hofrat in Hannover – knüpft Leibniz an das System der Fürstenbündnisse an, gibt aber der „Allianz“, die er vorschlägt, einen neuen Sinn: Eine Art föderativer Gewaltenteilung, mit der Leibniz geradezu den modernen Bundesstaat „erfindet“, soll die Funktionsunfähigkeit des bisherigen Reichstags überwinden. Das Direktorium des Bundes soll Mehrheitsbeschlüsse fassen können, deren Durchsetzung durch ein stehendes Reichsheer gesichert wird, zu dem alle Bundesmitglieder Waffen, Geld und Soldaten beisteuern – auch um die Bundespartner selbst bei der Stange zu halten („Wer einmal drin ist, muß bleiben, wenn er nicht verlieren will, was er beigesteuert hat“). Der Vorsitz im Bundesdirektorium soll wechseln, damit kein „perpetuus dictator oder absoluter monarch“ daraus hervorgeht. Der Kaiser, der nur für seine Erblande stimmberechtigt ist, soll jedoch das Vorschlagsrecht haben; er soll der Erste unter Gleichen sein. Die Fürsten würden so ihre Souveränität behalten und der Kaiser seine alte Würde, nun ausgestattet mit neuer politischer Autorität. „Ich weiß“, so gibt Leibniz zu, „daß einige, die sich klug dünken, meiner hier spotten werden... Sie sollten aber die Wunden des Reiches eher mit Öl mildern als mit Salz und Essig reiben.“