Nie wieder!": Dieses politische Stenogramm beschreibt den Grundimpuls von Heinz Westphal wie von anderen seiner Generation, die sich nach den Nazijahren in die öffentlichen Angelegenheiten einmischen wollten.

"Produktive Unruhe" lautet der Titel einer kleinen Festschrift, die zu seinem 65. Geburtstag erschienen ist, den er gerade beging. Westphal hat sich, wie sich zeigt, Respekt erworben, und er hat ihn auch verdient. Nicht, weil er ein Amt hat (Vizepräsident des Bundestages, er ist es mit Leib und Seele), sondern weil er sich couragiert und bescheiden am Leitmotiv des "Nie wieder!" bis heute orientiert.

Westphal zählt zu den "klassischen" Sozialdemokraten. Die Eltern waren in der SPD, der Vater bis 1933 im Parteivorstand, 1942 starb er im Konzentrationslager Oranienburg. Das "Antifaschistische" der SPD, für das auch der Sohn steht, gab sich nicht als Ritual und Lippendienst zu erkennen, sondern praktisch. Norbert Gansel hat Heinz Westphal einen "Funktionär der Arbeiterbewegung im besten Sinne" genannt. Ein altmodisches, ein liebevoll gemeintes Wort.

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Verkehrte Welt: Diesmal blicken Sozialdemokraten und Grüne (die sich bisher stets verweigerten) relativ neugierig und begierig auf den 17. Juni, ja sogar auf die Gedenkstunde im Parlament. Die Union hingegen hat Schwierigkeiten damit. Das hängt nicht nur damit zusammen, daß der "linke" Sozialdemokrat Erhard Eppler die Bundestagsrede hält, das bloße Datum erweist sich eben auch als das, was es geworden ist – ein Ritual.

Wie man Eppler kennt, wird er zu den unsäglichen Reaktionen der DDR auf die blutige Unterdrückung des Protestes in China oder den Umgang mit DDR-Christen, die ihre Menschenrechte anmahnen, nicht schweigen. Er hat das Grundsatzpapier von SPD und SED mitgeschrieben und mitzuverantworten, welches das beiderseitige Verhältnis regeln und eine "Streitkultur" in Gang setzen möchte. Für Eppler hieß das nie: verkleistern.

Gespräche zwischen SPD und SED dürften nicht "zu einer Art Friedenskumpanei verkommen". Die Ostberliner Reaktion auf das Drama in Peking halte er für reine "Rechtfertigungsphraseologie". Er nahm kein Blatt vor den Mund, der zweite Mann der SPD, Oskar Lafontaine, bei einem innerdeutschen Symposium in Saarbrücken, bei dem der zweite Mann der SED, Egon Krenz, die DDR vertrat.