Beobachtungen über Aids-Infektionen, die aufhorchen lassen, haben der amerikanische Immunologe David Imagawa und seine Mitarbeiter von der kalifornischen Universität in Los Angeles jetzt im angesehenen New England Journal of Medicine mitgeteilt. Es geht um „stille“ oder latente Infektionen mit dem Virus. Eine Ansteckung findet zwar statt, aber der serologische Nachweis dieser Infektion mit den üblichen, als zuverlässig geltenden „Elisa“- und „Westernblot“-Tests ist nicht möglich, obwohl das Aids-Virus im Blut vorhanden ist.

Dies ist aufregend, weil es etwas über die Zuverlässigkeit unserer Testverfahren aussagt. Die Bedeutung der Beobachtung geht aber darüber hinaus. Vorausgesetzt, daß die Befunde aus Los Angeles stimmen, dann muß von vielen „stillen“ Aids-Infektionen ausgegangen werden und den sich daraus ergebenden epidemiologischen Problemen. Künftig würden Voraussagen über die Durchseuchung mit dem Aids-Virus in Risikogruppen noch unzuverlässiger als bisher, und viele im Aids-Test negative Menschen würden sich in falscher Sicherheit wiegen, was ihre eigene Gesundheit, aber auch ihre Infektiosität anbelangt.

Folgendes haben die Immunologen in Kalifornien festgestellt: In einer sogenannten Kohortenstudie wurden für den Zeitraum von einem Jahr 1637 junge homosexuelle Männer mit risikoträchtigem Verhalten beobachtet. Bei der ersten Untersuchung war die Hälfte von ihnen (49,9 Prozent) HIV-1 seropositiv, der Rest negativ. Nach etwa achtzehn Monaten wurden bei 133 Männern aus dieser negativen Gruppe HIV-1-Tests im Blut wiederholt und außerdem eine Aids-Viruskultur aus Lymphozyten angelegt, die aus Blutproben der Untersuchten stammten.

Das Ergebnis: Bei 31 von den 133 Homosexuellen fanden die Aids-Forscher den HIV-l-Erreger in der Kultur, und zwar dank einer jüngst entwickelten gentechnischen Methode, der Polymerase Chain Reaction. Bei 133 Homosexuellen mit riskantem Sexualverhalten wie häufigem Partnerwechsel und ungeschützten analen Kontakten waren also die üblichen HIV-Tests auf Antikörper negativ, aber bei 23 Prozent läßt sich das Virus im direkten Test nachweisen!

David Imagawa glaubt, daß es nur der hohen Empfindlichkeit der Polymerase Chain Reaction zu verdanken sei, daß die Aids-Viren überhaupt entdeckt werden. Das heißt aber auch, daß viele Infizierte sehr lange im gewöhnlichen HIV-Test negativ bleiben. So waren nach drei Jahren noch 27 von den 31 Homosexuellen „HIV-negativ“, obwohl sie das Aids-Virus im Körper hatten.

Sind sie ansteckungsfähig, die „HIV-Negativen“ mit positivem Aids-Virusnachweis in den Lymphozyten? Auf diese wichtige Frage gibt es noch keine Antwort. Bedrohlich könnte es aussehen bei Übertragungen von Blut oder Organspenden. Können nicht hier Viren übertragen werden, wenn die Spender nur „scheinbar negativ“ sind? William Haseltine vom Dana Faber Cancer Institute in Boston befürchtet das. Er hat aber auch eine gute Nachricht.

Die „stille“ Aids-Infektion bedeutet, daß die Virusvermehrung aus einem noch unbekannten Grund unterdrückt wird für einen verschieden langen Zeitraum. Vielleicht könnte hier der Schlüssel für eine erfolgreiche Behandlung liegen. Vor allem muß aber der direkte Virusnachweis noch leichter und kostengünstiger werden als bisher. Hierin sieht William Haseltine die wichtigste und vordringliche Aufgabe.

Hans Harald Bräutigam