Das Programmieren von Computern gilt als zukunftsträchtige Bestätigung. Es wird angenommen, daß es im Zeitalter der Rationalisierung bei den Anbietern entsprechender Technik gegen Rationalisierung immune Arbeitsplätze gibt. Aber die Computerbranche rationalisiert nicht, nur andere, sondern auch ihre eigene Arbeit. Für Programmierer gilt deshalb: Rationalisieren schützt vor Rationalisierung nicht!

Als Nutznießer der Automatisierung stehen die Programmierer selbst unter dem Druck, sich dem Fortschritt immer wieder anpassen zu müssen. Der wahre Programmierer hat das Rationalisierungsideal seiner Branche deshalb verinnerlicht. Er versucht, von seiner Arbeit soviel wie möglich dem Computer zuzuschieben. Routinearbeiten sind ihm verpönt. Wer sich ihrer nicht zu entledigen weiß, indem er ein entsprechendes Computerprogramm schreibt, gilt als unprofessionell. Das Branchenideal will es, daß nur die Arbeit, die auf Maschinen übertragen wurde, „gute Arbeit“ ist.

Die Utopie der Zunft ist folglich, Programme zu schreiben, die in Zukunft alle neuen Programme selber schreiben. Damit würden sich die Programmierer dann selbst entbehrlich machen; ein Gedanke, der sie der Ferne des Zieles wegen heute jedoch noch nicht schrecken kann.

Kurzfristig wird die Programmierarbeit durch ständige Vereinfachung der Programmiersprachen rationalisiert. Moderne Programmiersprachen werden der menschlichen Sprache immer weiter angeglichen. Sie bestehen heute im wesentlichen aus Zahlen und Versatzstücken der englischen Sprache. Ein Programmierer produziert heute nur noch einen in einer solchen Kunstsprache geschriebenen Text. Daraus stellt dann eine spezielle Software, „Compiler“ genannt, das eigentliche Computerprogramm her. Der „Compiler“ übersetzt den Programmtext Stück für Stück in eine für den Computer verständliche Form. Der Programmierer muß dabei oft gar nicht mehr über die technischen Details des verwendeten Rechners Bescheid wissen. Die Anpassung an die jeweilige Hardware erledigt der „Compiler“ gleich mit. So rationalisiert der Programmierer seine Arbeit, indem er neue, einfache Sprachen benutzt und gleichzeitig die schwierige Übersetzung des Programmtextes in den Maschinencode des Computers vom Computer selbst erledigen läßt.

Als Fernziel dieser Entwicklung gilt die Schaffung einer Programmiersprache, die jeder Mensch ohne besondere Ausbildung verstehen und anwenden kann. Er soll einem Computer nur noch mündliche Befehle erteilen, die dieser dann selbständig, ohne weitere Anweisung, versteht und ausführt. Damit würde unsere Alltagssprache auch zu einer Programmiersprache. Während man sich mit einem Computer unterhielte, würde ein spezielles Programm unsere Worte blitzschnell in die Sprache des Computers, den Maschinencode, übersetzen. Der Computer würde dann eine Antwort errechnen und diese in menschlicher Sprache ausgeben oder eine bestimmte Arbeit ausführen. Das Fachwissen eines Programmierers würde nur noch in den Softwarefirmen gefragt, und, dort würden die Programmierer vermutlich hauptsächlich damit beschäftigt sein, Programme zu schreiben, die ihnen diese Arbeit schließlich auch noch abnehmen.

Daß Programmierer unentwegt daran arbeiten, sich selbst wegzurationalisieren, fällt nur deshalb nicht auf, weil die Auftragsbücher der Computerhersteller und Softwarefirmen voll sind. Jede Rationalisierung der Programmierarbeit wird heute noch weitgehend durch wachsende Nachfrage kompensiert. Aber gleichzeitig wird auch das Rationalisierungstempo bei den Software-Herstellern selbst durch die steigende Nachfrage beschleunigt. So könnte es den Programmierern einmal wie dem Fräulein vom Amt gehen. Denn so wie die Vermittlungsarbeit in den Fernsprechämtern durch die Erfindung des Telephons einmal entstanden war, so wurde sie durch die Entwicklung des Selbstwählverkehrs auch wieder wegrationalisiert. Die Programmierer könnten in der Zukunft ein ähnliches Schicksal erleiden.

Die Logik der Rationalisierung verlangt, daß die Arbeit, die durch eine neue Technik zusätzlich entsteht, langfristig nicht von Menschen getan wird, sondern gleichfalls wieder automatisiert wird. Im Rationalisierungszeitalter wird dem Menschen nur so lange eine Arbeit übelassen, wie es keine entsprechenden Maschinen dafür gibt oder diese noch zu teuer sind. Die Programmierarbeit macht dabei keine Ausnahme. Im Unterschied zu Fließbandarbeitern oder dem Fräulein vom Amt sind die Programmierer jedoch nicht bloß Opfer, sondern auch ausführendes Organ ihrer eigenen Wegrationalisierung. So sitzen sie an ihren Bildschirmen zwar ebenfalls auf Restarbeitsplätzen, aber vorerst noch auf ziemlich sicheren. Bevor sie sich der eigenen Wegrationalisierung im vollen Umfange widmen können, sind sie erst einmal mit der der anderen beschäftigt.

Alfred Dobisch