Von Wladimir Kulistikow

MOSKAU. – Russen, die Alkohol verschmähen; Juden, die in den Krieg ziehen; Deutsche, die für den Frieden eintreten – selbst nach der Verleihung des Friedensnobelpreises an Willy Brandt gibt es in meinem Land noch manche, die auf den letzten Teil des alten Witzes über die Widersprüche unseres Jahrhunderts mit tiefem Mißtrauen reagieren. Dieses Mißtrauen gilt allerdings nicht allen Deutschen. Die Friedensliebe der DDR-Deutschen ist über allen Zweifel erhaben. Auch wenn das Fernsehen den Eindruck vermittelt, als marschierten in der DDR alle – von den FDJ-Funktionären bis zu den halbnackten Mädchen des Ostberliner Fernsehballetts. Aber sie marschieren ja für den Sozialismus, da ist es in Ordnung.

Die Deutschen, die an den Ufern des Rheins wohnen, werden dagegen anders gesehen. Das beruht weder auf klarer Information noch auf gefühlsmäßiger slawischer Angst vor deutscher Feindschaft. Vielmehr war es eine Art Freudsches Id (abgekürzt für Ideologie), das meine Landsleute glauben machte, die „kapitalistischen“ Deutschen trügen die Schuld für den letzten Krieg und seien begierig darauf, einen neuen zu beginnen.

Auch ich bin ein Gefangener dieses Id. Als ich am 20. April, an Hitlers hundertstem Geburtstag, in Bonn das Fernsehen einschaltete, hatte ich irgendwie etwas „Revanchistisches“ vermutet.’ Die Fernsehkommentatoren, dachte ich, würden zu jener Formulierung greifen, die in der Sowjetunion noch immer in den offiziellen Darstellungen der Parteigeschichte verwandt wird: „Hitler (Stalin) war eine herausragende Gestalt der Geschichte, aber er beging eine Reihe von Fehlern ...“

Aber mein Id wurde enttäuscht. Ich sah „Der große Diktator“, den Film des großen Chaplin, bewegende Bilder aus der Nazizeit, auch von Tod und Begräbnis sowjetischer Kriegsgefangener im Deutschland des Krieges. Hätte sie zu Hause ein anderes Schicksal erwartet? Ich fürchte, nein. Denn Stalin behandelte jeden, der dem Feind in die Hände fiel, als Verräter.

Die westdeutsche Gesellschaft entstand im Bewußtsein der Buße für vergangene Schuld; die sowjetische Gesellschaft macht heute die ersten Schritte auf dem Weg, sich der eigenen Vergangenheit zu schämen. Das einzige, was nachdenkliche Zeitgenossen in beiden Ländern intellektuell entzweien kann, ist der Streit, wer von beiden – Hitler oder Stalin – der größere Verbrecher war.

Das neue Mauern einreißende politische Denken, zu dem Moskau sich heute bekennt, hat die Berliner Mauer als Symbol einer Welt und einer Nation, die nach dem Prinzip Ideologie geteilt waren, hinfällig gemacht. Eine Nation ist eine Nation, sie ist weder kapitalistisch noch sozialistisch, ebensowenig wie Kunst kapitalistisch oder sozialistisch sein kann, ebensowenig wie es einen kapitalistischen oder sozialistischen homo sapiens gibt.