Von Timothy Garton Ash

Kaum jemals zuvor in den vergangenen vierzig Jahren boten sich den Staaten Osteuropas derart große Chancen, lasteten aber zugleich so große Probleme auf ihnen.

Die Chancen ergeben sich aus dem größeren Spielraum, der ihren Politikern von der Sowjetunion unter Gorbatschow gegenwärtig eingeräumt wird. Sie liegen außerdem in dem sich verdichtenden Netz der Beziehungen zum Westen.

Wenn wir über diese Chancen sprechen, sollten wir eines unbedingt im Auge behalten: Die Interessen und Ziele der politischen Führung weichen von jenen des Volkes ab. Selbst in den Staaten, die noch am lautesten von Reformen reden, also auch in Ungarn und Polen, bleibt es bei diesem gravierenden Unterschied. In westlichen Diskussionen über die Osteuropa-Politik wird dieser Widerspruch nur allzuoft verwischt.

Ganz offenkundig leidet die ganze Region unter wirtschaftlichen Problemen. Alles in allem fällt Osteuropa in seiner Entwicklung neuerlich hinter Westeuropa zurück. Diese wachsende relative Rückständigkeit schlägt sich nicht nur in der Industrieproduktion nieder, sondern auch im Verkehrs- und Schulsystem, im Wohnungs- und Gesundheitswesen, im Freizeitangebot, aber auch in Umweltfragen, die die Bürger immer stärker bewegen.

Die Realisten unter den osteuropäischen Politikern erkennen dies alles sehr wohl. Besorgt beobachten sie die High-Tech-Revolution im Westen wie im Fernen Osten, übrigens auch die wirtschaftliche Integration Westeuropas im Zeichen von "1992". Sie wissen: Wenn ihre Länder nicht noch weiter zurückfallen sollen, brauchen sie weitaus radikalere Reformen, als bisher selbst in Ungarn angestrebt.

Einer entschiedeneren Reform in Richtung Marktwirtschaft stehen nicht nur ökonomische Hindernisse im Weg (seien sie nun theoretischer, technischer oder außenwirtschaftlicher Natur), sondern auch tiefgreifende politische Schwierigkeiten. Vereinfacht ausgedrückt: Solche Reformen wecken den Widerstand sowohl der herrschenden Klasse als auch der Arbeiterklasse.