Als sich die Umweltminister der Europäischen Gemeinschaft (EG) vor zwei Wochen darauf einigten, daß kleine Autos von 1993 an schärfere Abgasgrenzwerte einhalten müssen, ging ein Aufatmen durch die Reihen der Umweltschützer. Endlich, so konnten sie in den Tageszeitungen lesen, muß auch die Masse der Kleinwagen mit dem geregelten Katalysator, der besten zur Zeit verfügbaren Technik der Abgasentgiftung, ausgestattet werden. Hat nun das peinliche Gerangel um die Grammwerte für die Schadstoffe endlich ein Ende? Und hat Europa endlich Anschluß an die US-Gesetzgebung gefunden?

Weder noch. Nach wie vor sind die derzeit gültigen amerikanischen Grenzwerte strenger als die europäischen Standards, die erst in dreieinhalb Jahren für alle neuen Fahrzeuge verbindlich werden sollen. Erstens soll es in Europa dabei bleiben, daß Stickoxide nur zusammen mit den Kohlenwasserstoffen begrenzt werden. Das ist eine unbegründete Erleichterung für die Autoindustrie. Zweitens sind die zukünftigen EG-Typgrenzwerte, die ohnehin nur Prototypen einhalten müssen, nach wie vor erheblich lascher als die amerikanischen Standards: um mehr als einhundert Prozent bei Stickoxiden und bei Kohlenwasserstoffen, um etwa 35 Prozent bei Kohlenmonoxid. Bei Autos aus der Serienproduktion schneidet Europa noch schlechter ab. Die EG will nämlich, drittens, zulassen, daß Serienfahrzeuge noch um sechzehn Prozent mehr emittieren dürfen.

Während der amerikanische Präsident George Bush bereits eine weitere Verringerung der Umweltverschmutzung durch den Straßenverkehr plant, findet die europäische Gesetzgebung somit nicht einmal Anschluß an die schon zehn Jahre gültigen amerikanischen Abgasvorschriften. Das straft alle Bekenntnisse der Europäer zu striktem Umweltschutz Lügen.

Das letzte Wort über die Abgasgrenzwerte ist freilich ohnehin noch nicht gesprochen. Die EG plant nämlich, auch die Testbedingungen für die Ermittlung der Schadstoffemissionen zu ändern. Der bisher gebräuchliche Stadtzyklus soll durch einen euphorisch Hochgeschwindigkeitszyklus genannten Fahrmodus ergänzt werden, bei dem für einige Sekunden auch Tempo 120 erreicht wird.

Zu Recht will die EG-Kommission die Testmethoden stärker am tatsächlichen Fahrverhalten ausrichten. Doch wer sich davon gleichzeitig strengere Anforderungen an die Abgasreinigung erhofft, wird enttäuscht. Mit der Einführung der neuen Testmethoden sollen nämlich auch die Grenzwerte wieder lascher werden – um etwa zehn bis fünfzehn Prozent. In der ohnehin schon bizarren Abgasdebatte kommen damit auf Bürger und Politiker Diskussionen zu, die außer den Technikern der Automobilfirmen kaum jemand verstehen wird. Wirksamer Umweltschutz droht dabei, wie schon so oft, zu kurz zu kommen.

Schon heute demonstrieren einige Hersteller, daß es mit modernen Motoren möglich ist, die zukünftigen EG-Grenzwerte weit zu unterschreiten. Ein japanischer Hersteller kommt beispielsweise mit einem Ein-Liter-Motor auf Werte, die um bis zu sechzig Prozent unter den zukünftigen Anforderungen liegen – und zwar ohne geregelten Katalysator. Mit Drei-Wege-Kat würde dieses Auto freilich noch weniger emittieren. Zwar tut die EG gut daran, keine bestimmte Technik der Abgasentgiftung vorzuschreiben. Aber das Beispiel zeigt: Die Umweltminister der EG sind weit hinter dem zurückgeblieben, was die Autohersteller zu leisten vermögen. Fritz Vorholz