Von Volker Mauersberger

Wenn sich am kommenden Montag im Madrider Palacio de Congresos der Vorhang für die Abschlußzeremonie des europäischen Gipfeltreffens hebt, wird sie irgendwo in der vorderen Reihe neben ihrem britischen Kollegen Lord Plumb sitzen und diesen festlichen Augenblick still genießen. Ganz sicher wird Asunción, Valdes den glanzvoll inszenierten Abschlußgipfel der zwölf Regierungschefs auch als Bestätigung ihrer eigenen Arbeit empfinden: die 39jährige ist Beauftragte des Straßburger Europaparlaments in Madrid und war in den letzten Wochen immer dort, wo die spanische Präsidialmacht organisiert und zelebriert werden mußte.

Wie eine gute Fee reiste Asunción, Valdes zu jenen Orten, wo in Sachen Europa Konferenzen organisiert, Bücher vorgestellt oder Ausstellungen eröffnet wurden. Rechtzeitig zu Beginn des Europawahlkampfs schickte sie einen Ausstellungszug durch Spanien, der von Galicien bis ins südliche Valencia den abstrakten, ach so fernen Kontinent Europa vorstellen sollte. Beim Treffen der EG-Außenminister in Granada kam die stets Unternehmungslustige strahlend auf die Korrespondenten zu: Gerade hatte Parlamentspräsident Lord Plumb der versammelten Exekutive zum ersten Mal seit Bestehen der EG die Kompetenzschwächen der Straßburger Legislative vorgehalten. Die Idee, bei wichtigen Treffen der europäischen Minister auch den Vertreter des Parlaments teilnehmen zu lassen, war den Spaniern gekommen – und Asuncion Valdes war sehr zufrieden, daß der längst überfällige Auftritt ihres obersten Dienstherrn nicht wirkungslos geblieben war.

"Ich bin eine überzeugte Europäerin", sagt Asunción Valdes kategorisch, ohne einen Anflug von Zweifel. Sie kennt mittlerweile alle Fallen, Tücken und Leerläufe einer gigantisch mahlenden Bürokratie und hat doch nie die Vision eines geeinten Europa ohne Grenzen eingebüßt. Kleinmut oder gar die Sorge, daß da auf dem Weg zum europäischen Binnenmarkt viel Falsches angerichtet werden könnte, sind der blonden Spanierin aus Alicante fremd: Eher blitzt bei ihr dann doch Stolz darüber auf, daß man es kaum vierzig Monate vor dem Binnenmarkt schon gehörig weit gebracht habe – vielleicht auch mit ihrer bescheidenen Hilfe.

Asunción Valdes ist repräsentativ für eine Generation, die sich früh und konsequent für die Öffnung Spaniens in Richtung Europa entschied – und die bis heute den geistigen Mief nicht vergessen hat, der mit der politischen Abschottung ihres Landes von Europa verbunden war. "Unser Kampf für die spanische Demokratie war doch immer auch ein Bekenntnis zu Europa", sagt Asunción Valdes und erinnert ein wenig belustigt daran, daß für den Dikator Franco "Europa" identisch war mit Pornographie, Kommunismus und der Zerstörung aller traditionellen Werte. Diese sterilen Jahre einer erzwungenen "historischen Isolation" hat Asunción Valdes nicht vergessen.

Ihr Vater starb, als sie noch klein war, ihre Mutter ist eine liberal denkende Frau. Die Tochter wußte früh, was sie wollte: Journalistin werden und die Augen weit aufmachen, sich möglichst viel von jener fremden europäischen Welt ansehen, die der engstirnige Franco seinen Landsleuten vorenthalten wollte. Sie studierte an der Madrider Complutense-Universität. Damals mußte sie sich mit ihren Kommilitonen in den Hörsaal schleichen, um ein Konzert des katalanischen Polit-Barden Raimon zu hören. Es war die Zeit des Umbruchs, als offen und verdeckt gegen das verhaßte Franco-System opponiert wurde. Die fast Vierzigjährige erinnert sich daran mit nostalgischen Gefühlen. "Wir waren alle so solidarisch und steckten voller Ideale", sagt Asunción, die Raimons berühmt gewordenes Lied "Das Gesicht in den Wind" fast wörtlich nahm, sich in alle Kino-Vorstellungen mit den verbotenen Bunuel- und Eisenstein-Filmen wagte und für die ketzerische, oft von der Zensur verfolgte Zeitung Triunfo feministische Artikel schrieb. "Ich wußte schon damals: Die Zeit gehört uns", sagt sie. Im November 1975 bei der Nachricht vom Tod des Diktators ließen sie und ihre Freunde keine Sektkorken knallen, und aufmerksam registrierte sie, wie viele Spanier in echter Trauer von Franco Abschied nahmen. Wie viele ihrer Altersgenossen emigrierte Asunción Valdés, kaum zwanzigjährig, ins verfemte Ausland. Die stets unruhige, neugierige und politisch engagierte Studentin ging 1973 an das Europa-Kolleg im belgischen Brügge und studierte Politische Wissenschaften und Journalismus. In der Freizeit reiste sie nach Paris, London, Amsterdam oder Köln, um Sprachen zu lernen. Nach journalistischen Lehrjahren beim spanischen Rundfunk und in der Wirtschaftsredaktion der liberalen Tageszeitung El Pais wurde sie 1977 Korrespondentin für den spanischen Rundfunk in Bonn – mit einem halben Dutzend von Diplomen der Universitäten Madrid, Brügge und Brüssel sowie einem USA-Stipendium in der Tasche. Sieben Jahre vorher waren ihre ersten Artikel in den Lokalblättern Informacion und La Verdad erschienen. Die sechs von Streß und Unruhe geprägten Bonner Jahre sieht Asunción Valdes heute als eine Lehrzeit in Sachen Europa. Der in der Bundesrepublik aufgeflammte Streit über eine "Nationalisierung" der Raketenabrüstung, der "Genscherismus" oder gar das Eintreten für eine "Wiedervereinigung" der beiden deutschen Staaten – solche Begriffe sind der Ex-Kollegin vertraut, und oft wird sie heute nach den Hintergründen einer Diskussion gefragt, die vielen Spaniern abstrakt und undurchsichtig erscheint. Das Provisorische der Bundeshauptstadt Bonn, oder die Tatsache, daß die Geburtstage Ludwig van Beethovens und Martin Luthers in zwei verschiedenen deutschen Staaten gefeiert werden, beschreibt Asunción Valdes mit dem Begriff einer "amputierten Nation". Nie wird sie vergessen, wie sie damals über das deutsch-deutsche Treffen zwischen Bundeskanzler Helmut Schmidt und SED-Chef Honecker berichtete und welche Schwierigkeiten sie hatte, ihrem spanischen Radiopublikum die deutsche Teilung zu erklären.

So neugierig und europäisch interessiert die Journalistin auch war: In Bonn hielt es sie nicht mehr lange, nachdem in Spanien plötzlich die Gefahr bestand, daß die zerbrechliche, so wenig gefestigte Demokratie unter dem Geklirr eines militärischen pronunciamiento in die Brüche gehen konnte. Die beliebte und erfolgreiche Korrespondentin kehrte kaum ein Jahr nach dem Putsch des Obersten Tejero nach Madrid zurück, "in Sorge, was aus Spanien werden sollte". Sie bewarb sich um eine leitende Position beim einflußreichen, immer mächtiger gewordenen Medium Fernsehen. Die parteilose, auf ihre journalistische Unabhängigkeit unerbittlich pochende Asunción Valdes wurde Leiterin und Moderatorin für wichtige Informationssendungen. "Spätestens hier habe ich begriffen", sagt sie, "wie groß die Macht der öffentlichen Meinung ist und wie leicht das Vertrauen in die Verantwortung der Presse zerstört werden kann." Sie hat alle Positionen erreicht, die im prosperierenden Medien-Betrieb Spaniens zu vergeben waren. 1986, als Spanien der EG beitrat, bewarb sie sich um die Leitung des Informationsbüros für die sechzig spanischen Europa-Parlamentarier. Unter 400 Anwärtern wurde sie ausgewählt. Es bedeutete die Abkehr vom geliebten journalistischen Metier. Und nun bekam die engagierte Europäerin auch den Frust jener Euro-Parlamentarier zu spüren, die sich zwischen Straßburg, Madrid und Brüssel mit dem täglichen Kleinkram herumschlagen müssen: Angleichung der Mehrwertsteuern, EG-Agrarmarkt, Verschärfung der Grenzkontrollen zur Bekämpfung von Terrorismus und Drogenschmuggel oder das vielzitierte "Europa der Bürger", für das sich doch kaum jemand ernsthaft interessiert. Sie müßte lügen, wollte sie behaupten, daß auf die anfängliche Europa-Euphorie nicht auch Ernüchterung gefolgt wäre.

Bis zum vielberufenen Binnenmarkt 1992 will sie auf jeden Fall in ihrem schönen Altstadt-Büro vis-à-vis von den Cortes, dem Parlament, aushalten, will in Konferenzen, Hintergrundgesprächen und auf Reisen den trägen Europa-Karren ziehen helfen. So auch diesen Nachmittag in einem Restaurant von Madrid, als ein sozialistischer Europa-Abgeordneter stundenlang sein neuestes Buch vorstellt und Asunción Valdes sich geduldig anhören muß, wie der politische Wechselbalg Europa hin- und hergewendet wird. Da sieht sie plötzlich müde aus, und die Antwort auf die Frage, ob sie sich das denn alles so vorgestellt habe, klingt trotzig: "Si, si", sagt sie, "alles für Europa – con amor!"