Wie Israelinnen versuchen, dem Frieden mit den Palästinensern näher zu kommen

Von Viola Roggenkamp

Es ist Freitag nachmittag. In zwei, drei Stunden schließen die Büros, die Geschäfte, die Lokale, alles. Sabbatruhe. Wochenende von Freitag nachmittag bis Samstag abend. Sonntag ist hier Montag. Man will noch etwas einkaufen, etwas besorgen, etwas erledigen. Schnell, schnell. Genau der richtige Zeitpunkt, um zu demonstrieren. Und wo? Selbstverständlich an den Verkehrsknotenpunkten. In den drei israelischen Großstädten Tel Aviv, Haifa und Jerusalem demonstrieren die "Frauen in schwarz" gegen die israelische Besetzung der Westbank und des Gaza-Streifens. Jeden Freitag nachmittag seit fast zwei Jahren. Junge Frauen, alte Frauen, Studentinnen, Mütter mit Kindern, Schülerinnen, Lehrerinnen. Überwiegend Frauen zwischen zwanzig und vierzig Jahren. Sehr viele Israelinnen, einige Palästinenserinnen.

Sie singen. Es ist ausländische Presse da. Sie singen auf englisch: "Palästina den Palästinensern." – "Die Weiber sollte man behandeln wie die Araber", schimpft ein junger Israeli von dem erhöhten Fahrersitz seines Lastwagens herunter. Der einzige demonstrierende Mann auf dem Jerusalemer Palast Square reckt sein Plakat zu dem wütenden Fahrer hoch. Darauf steht etwas von "Hexen" und "schwarzen Witwen", womit er die Frauen hinter sich als giftige Spinnen bezeichnet. Eine folgt ihm auf Schritt und Tritt. Sobald er sein Plakat hochhält, hält sie ihres hoch. Auf ihrem heißt es: "Die Gerechtigkeit ist tot."

Nicht weit von ihr entfernt steht eine Frau in einem roten Kleid; zierlich, Mitte, Ende Fünfzig. Sie trägt eine Art Stellwand vor sich her mit Photos von ihren erwachsenen Kindern. Söhne und Töchter, die im Krieg gegen die arabischen Länder gestorben sind. Ein anderes Photo zeigt ein israelisches Kind, das bei einem Bombenanschlag auf einen Schulbus schwere Verbrennungen erlitt. Sie demonstriert gegen die Demonstrantinnen. Hinter ihr schiebt sich ein älterer Araber durch die Reihen. Er trägt einen Bauchladen, aus dem er Süßigkeiten in kleinen Papierrosetten verkauft. Nein, nicht verkauft, sondern unter den singenden Demonstrantinnen verteilt.

Autoabgase steigen auf. Der Lärm nimmt zu. Die Frauen fassen sich um die Schultern und wiegen sich im Rhythmus ihres Gesanges. Auf diesem Knotenpunkt der Gefühle brauchen die gegen die Politik ihres Landes demonstrierenden Israelinnen fühlbar ihre gegenseitige Solidarität. "Jerusalem den Palästinensern", singen sie jetzt.

Ein Mann rennt durch das Verkehrschaos auf die Fraueninsel zu. Sein Kopf ist knallrot. Er ringt die Hände zum Himmel, weint und schreit. Er steht vor den Frauen und ballt die Fäuste. Sein Zorn ist hilflos. Eine der schwarzgekleideten Frauen löst sich aus der Kette. Sie umarmt ihn, spricht auf ihn ein, umklammert ihn. Passanten laufen herbei, schreien auf den Mann ein. Der ist außer sich. "Was wollt ihr?" brüllt er. "Wollt ihr unsere Heimat fortgeben, für die schon so viele gestorben sind, das Land aller Juden? Die Araber halten keinen Frieden mit uns. Sie werden uns ins Meer treiben und töten. Und kein Land der Welt wird kommen, um den Juden zu helfen."