Von Birgitta Ashoff

Achmatowa? „Wissen Sie, wer Anna Achmatowa ist? Nein, Sie wissen es nicht, oder wenn Sie es wissen, kann es nur drei Gründe geben. Erstens, Sie sind gebildeter als ich, zweitens, Sie wollen gebildeter erscheinen und drittens, Sie waren Soldat in Rußland und hörten ein Lied, das dort viel gesungen wurde: das ‚Lied des heimkehrenden Soldaten‘“ – so begann 1965 ein Text von Hans Werner Richter mit dem leicht mysteriösen Titel „Euterpe von den Ufern der Neva oder die Ehrung Anna Achmatowas in Taormina“.

Ein Jahr vor ihrem Tod – nach Jahrzehnten der Verfolgung und des Totschweigens – durfte Rußlands größte Dichterin noch einmal in den Westen – zur Verleihung eines Literaturpreises nach Sizilien und der Ehrendoktorwürde in Oxford. In Taormina nahm sie, „eine Zarin der Poesie, die Huldigung des diplomatischen Corps der Weltliteratur entgegen ..., eine große Frau, alle Poeten von mittlerer Statur um Kopfeslänge überragend, eine statuarische Erscheinung, an der sich die Wellen der Zeit von 1889 bis heute gebrochen haben, und so, wie ich sie hinausschreiten sah, begriff ich plötzlich, warum Rußland zeitweise von Zarinnen regiert werden konnte“. Der denkwürdigen Begegnung mit einer Zeitgenossin Maxim Gorkis und Anton Tschechows, die Richter hier so wunderbar erzählt, entsprachen zuvor ein halbes Jahrhundert lang alle Berichte ihrer prominenten schreibenden Freunde und Freundinnen.

Anna Achmatowa muß als Dichterin und Frau bis ins hohe Alter über eine ungewöhnliche Ausstrahlung verfügt haben – „ein Stück russischer Geschichte von Nikolaus II, über Kerenski, Lenin, Stalin, Chruschtschow bis zu Breschnjew und Kossigyn, immer noch ungebeugt, immer noch hoheitsvoll, eine russische Landschaft“. Ähnlich wie Hans Werner Richter vor 25 Jahren ergeht es heute vielen, wenn sie den klangvollen Namen mit den fünf offenen A hören.

Im Museum für Russische Kunst in Leningrad finden wir ihr berühmtes Ölgemälde aus dem Jahr 1914 von Nathan J. Altman. Das Portrait zeigt eine ungemein schöne Frau, trotz ihres jugendlichen Alters bereits mit dem ihr eigenen hoheitsvollen Gestus der Dichterfürstin. Sie trägt ein tiefdekolletiertes indigoblaues Kleid, eine kühn geschwungene goldene Stola, hohe Lackpumps, die sie wirkungsvoll auf einem Fußschemel übereinander geschlagen hat. Ihr Gesicht: geschwungene Brauen, volle, zyklamrot geschminkte Lippen und eine imposant gekrümmte Nase. Über ein halbes Jahrhundert lang ist sie von vielen Künstlern gemalt und photographiert worden – unter ihnen Moses Nappelbaum, Georgij Vereiskij, Jurij Annenkov und Kuzmä Petrov-Vodkin.

Als Zwanzigjährige stand sie Amedeo Modigliani Modell. Die „Schönheit mit Ponyfrisur“ hatte keine Ahnung, mit welch bedeutendem Maler sie damals auf den Parkbänken des Jardin du Luxembourg in Paris ihr Rendezvous genoß, während sie im Regen Verlaines Gedichte zitierte. Und Modigliani ahnte ebensowenig von den gerade erwachenden dichterischen Ambitionen seiner jungen russischen Muse. Nur zwei von seinen sechzehn Achmatowa-Portraits wurden gerettet. Brodsky kolportiert, daß sich während der Revolutionswirren Rotarmisten mit den Modigliani-Zeichnungen der Achmatowa ihre Papirossy angezündet hätten.

Die Liebesbeziehung des Malers zu der stolzen Anna eröffnete eine lange Reihe unglücklicher Liebesbegegnungen, an denen die Achmatowa bis ins hohe Alter litt. Drei Ehen und viele Freundschaften endeten unglücklich. Anna Achmatowa war dazu verdammt, alle zu überleben: Ihre Männer starben jung, endeten in Gefängnissen oder im Gulag oder begingen Selbstmord. Die Rolle der Melpomene, der klassischen klagenden Muse, war ihr (nach Efim Etkind) verhängnisvoll auf den Leib geschrieben.

Boris Pasternak, der Autor des „Doktor Schiwago“, der ihr zweimal einen Heiratsantrag gemacht hatte, gehört zu den illustren Freunden. Mit Alexander Blok, dem „tragischen Tenor der Epoche“, teilte sie die Liebe zum gemeinsamen Idol Alexander Puschkin. Blok starb schon 1921. Einer der engsten Gefährten war Ossip Mandelstam, der über sie sagte: „Anna Achmatowa hat die ungeheure Vielschichtigkeit und den ganzen Reichtum des russischen Romans aus dem 19. Jahrhundert in die russische Lyrik eingebracht.“ Er starb – nach Jahren der Verfolgung – 1938 in einem Strafgefangenenlager bei Wladiwostok. Wladimir Majakowski, der Aufrührer und Avantgardist, las ihre Lyrik immer, wenn er verliebt war. Er brachte sich 1930 um. Von rückhaltloser Bewunderung ist noch heute Joseph Brodsky, der ihr – zusammen mit seinem Lehrmeister Jevgenij Rejn – in ihren letzten Lebensjahren nahegestanden hat.

Er rühmte ihre Schönheit auch im Alter, als sie von Herzinfarkten und Cortison gezeichnet war: „Sie sah einfach überwältigend aus. Ein Meter achtzig groß, dunkelhaarig, hellhäutig, mit den blassen graugrünen Augen der Schneeleoparden.“ Brodsky weiß auch Näheres über ihren melodischen Namen: Auf Wunsch des Vaters, der nicht mit den Gedichten seiner Tochter identifiziert werden wollte, nahm Anna Andrejewna Gorenko den tatarischen Namen ihrer Großmutter mütterlicherseits an. „Ihre Ahnen ließen sich bis zum letzten Chan der Goldenen Horde zurückverfolgen bis zu Ahmed Chan, einem Nachkommen des Tschingis Chan.“ Angehaucht mit mongolischem Flair – dem Namen der letzten Tatarenprinzessin –, schafft sich die Siebzehnjährige schon früh eine verheißungsvolle Aura. Dabei beruht ihr Charisma – auch später – nicht nur auf ihrer literarischen Zelebrität, sondern auch auf ihrer sagenumwobenen Fama als Frau, als Liebende – unter besonders tragischen Lebensumständen. Lakonisch kommentiert das wiederum Brodsky, indem er sich selbst nicht ausschließt: „Die ihr gewidmeten Gedichte füllen mehr Bände als ihre eigenen gesammelten Werke.“

Trotz Perestrojka gibt es bis heute keine Achmatowa-Gesamtausgabe, obwohl sie – wie auch ein Achmatowa-Museum in Leningrad – immer wieder angekündigt wurde. Die Geschichte ihrer Veröffentlichungen ist katastrophal: Nach 1922 erhielt sie achtzehn Jahre Publikationsverbot. 1946 wurde sie aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen. Nach dem XX. Parteitag 1956 konnten Teile ihres Werkes wieder erscheinen, aber erst 1987 ihr legendärer Gedichtzyklus „Requiem“. Für meine russischen Gesprächspartner ist es selbstverständlich, Achmatowas Gedichte zitieren zu können, und ich höre noch Raissa Orlowas dunkle Stimme in der Kölner Wohnküche: „Ich ließ mich nicht von meiner Heimat scheiden. / Floh in die Fremde nicht vor der Gefahr. / Ich blieb bei meinem Volk in seinem Leiden, / Bleib, wo mein Volk zu seinem Unglück war.“

Anna Achmatowas Biographie ist die einer „Vagabundenkönigin, einer freischweifenden heimatlosen Herrscherin“, die sich nach ihren eigenen Worten immer „unbehaust und unbehütet“ gefühlt hat. Sie entstammte einer aristokratischen Familie und wurde am 23. Juni 1889 bei Odessa geboren. Der Vater war Mathematiklehrer im Kadettenkorps der Handelsmarine. Ihre Kindheit und Jugend verbrachte sie in Zarskoje Selo bei Petersburg, der Sommerresidenz der Zarenfamilie. Schwärmerisch wandelt das junge Mädchen, das mit elf Jahren die ersten Gedichte schreibt, auf den Spuren des lebenslangen Idols Alexander Puschkin, der in Zarskoje das Lyzeum besucht hat. Später erinnert sie sich an „die grüne, feuchte Pracht der Parks und Wiesen, wo mich meine Amme spazierenführte, das Hippodrom, wo kleine bunte Pferdchen sich tummelten, den alten Bahnhof..., an die grüngemusterte Stille im jahrhundertanfangskühlen Kinderzimmer“. In Kiew und Petersburg studiert sie Jura und Literaturgeschichte. 1907 erscheinen ihre ersten Gedichte in der Zeitschrift Sirius‚ die der Schriftsteller Nicolai Gumiljov herausgibt. 1911 heiratet sie ihren Verleger und schließt sich – zusammen mit Ossip Mandelstam – der Dichterbewegung der Akmeisten an, die sich vom Symbolismus und Futurismus distanzierte und eine klare, rationale Verskunst anstrebte.

1912 wird zu ihrem Schicksalsjahr. Ihr erster Gedichtband „Abend“ erscheint. Er wird wie die Folgebände „Der Rosenkranz“ (1914) und „Der weiße Schwarm“ (1917) bei Kritik und Publikum nach ihrer eigenen Einschätzung „wohlwollend“ aufgenommen. „Hier ertönt eine frische diesseitige Stimme; sie nannte jedes Ding bei seinem Namen und ließ die Intonationen des Alltagsgesprächs in schlichten, keineswegs melodischen Versen erklingen ... Ihre Lyrik steht nicht dem Lied, sondern der Prosa nahe. Die Gedichte werden kurz und intensiv, die Worte deutlich und selbständig. Es ist nicht mehr die Musik, die den Vers bestimmt, sondern das Sachliche, der Sinn“ (Efim Etkind). Die frühen Gedichte handeln von der Natur und von Liebe, von Eifersucht und Verzeihen. Das Thema der Leidenschaft kommt – mit tragischen Akzenten – in vielen Variationen vor. Melancholie und Desillusion, die jedoch niemals in besinnungslose Resignation gleiten, sind die Grundstimmungen. Anna Achmatowa ist die Verkörperung des Akmeismus, real, lebensnah, klar, einfach, klassisch. Im Zentrum steht die von Abschied und Erinnerung beschattete Liebe einer Frau – mit all ihren Demütigungen, Hoffnungen und ihrem Stolz.

„Lieben à la Achmatowa“ wird zur Umschreibung eines neuen Lebensgefühls, das ihre Zeitgenossinnen ihren Gedichten nachleben – mitsamt den Enttäuschungen und Verlusten. Im Jahr 1912 kommt auch ihr einziges Kind, der Sohn Lev, zur Welt. Die Sommer verbringt sie jetzt auf dem Land in der Datscha der Familie Gumiljov in Slepnjowo – unweit von Petersburg. Das romantische Gehöft steht noch heute inmitten von Wiesen, Weizenfeldern und Birkenwäldern. Eines der wenigen Refugien der unruhigen Schriftstellerin, wie später auch das „Kabäuschen“ in Komarowo, das der erst in den sechziger Jahren spät rehabilitierten Dichterin vom russischen Schriftstellerverband zur Verfügung gestellt wurde. In ihre „Bude“ nach Komarowo pilgerte nicht nur ihr „Zauberchor“, die jungen Lyriker Jevgenij Rejn und Joseph Brodsky, sie hielt auf ihrer kleinen Holzveranda hof und empfing die „Achmatowka“ – einen unaufhörlichen Strom von Menschen.

Brodsky und Rejn beschreiben ihren abendlichen Eßtisch, an dem sich „Redakteurinnen, Theaterwissenschaftler, Ingenieure, Übersetzer, Kritiker und Witwen“ drängelten. Oftmals gibt es nur einen Topf gekochter Kartoffeln, und „um sieben oder acht standen die Flaschen auf dem Tisch“. Für ein Familien- oder Alltagsleben ist die Schriftstellerin absolut untauglich. „Frauenarbeit“, so erzählte Raissa Orlowa, „ist für sie ein Fremdwort. Niemals in ihrem Leben hat sie einen Kochlöffel in der Hand gehalten.“

Nach der Scheidung von Gumiljov, der 1921 als monarchistischer Verschwörer erschossen wird, wächst der Sohn bei der Großmutter väterlicherseits auf, die nicht gut auf ihre dichtende Schwiegertochter zu sprechen ist. Für die Liebes- und Trennungsgeschichte von Anna Achmatowa und Nikolai Gumiljov zeugen bewegende Liebesgedichte, die sie sich gegenseitig widmen.

Die poetischen Übertragungen ins Deutsche – verstreut erschienen in mehreren Verlagen – können nicht mehr sein als Notbehelfe und Verlegenheitslösungen. Anna Achmatowa hat am traditionellen Vers festgehalten, und alle Bemühungen, sich in den Übersetzungen reimlos oder metrisch nachdichtend zu nähern, wirken glatter und konventioneller als die Originale, deren Tonlage sie nur andeutungsweise treffen. Ähnlich verhält es sich auch mit den deutschen Übersetzungen der Gedichte von Marina Zwetajewa, der zweiten großen russischen Dichterin. Mit der Achmatowa verband sie eine seltene, rivalitätsfreie Freundschaft. Sie nennt sie bewundernd „Anna von ganz Rußland“ und widmet ihr 1916 einen Gedichtzyklus: „O Muse der Klage, wie du ist keine so schön! / O du behextes Geblüt, weißer Nacht entbunden! / Den Schneesturm schwarz läßt auf Rußland du niedergehn. / Und wie Pfeile schlagen deine Schreie aus Wunden.“

Andere Reverenzgedichte tauscht die Achmatowa mit Alexander Blok, Ossip Mandelstam und Boris Pasternak aus, der 1943 in einer Zeitung über sie schreibt: „Zwei blutige Kriege – ihre Spuren sind beinah auf jeder Buchseite zu sehen – und zwischen ihnen die berühmte Silhouette mit dem stolz erhobenen Kopf, das Leben und das Schaffen der unbiegsamen, ergebenen, aufrichtigen Tochter des Volkes und des Jahrhunderts, die gestählt, an Verluste gewöhnt und zu den Prüfungen der Unsterblichkeit mutig bereit ist.“

Ganz „unbiegsam“ blieb selbst die vermeintlich marmorne Achmatowa nicht: Nach dem Publikationsverbot 1922 (unter anderem wegen mangelnder’revolutionärer Anpassung) ging sie aus politischen und persönlichen Gründen in die innere Emigration. Ihr zweiter eifersüchtiger Ehemann, der Orientalist Wladimir Schilejko, verbrannte ihre Gedichte im Samowar. Der dritten langjährigen Verbindung mit dem Kunsthistoriker Nikolaj Punin war auch kein dauerhaftes Glück beschieden; Anna lebte zusammen mit ihm, seiner Frau und seiner Tochter auf engstem Raum im „Springbrunnenhaus“ am Fontankakanal in Leningrad. Ihren Lebensunterhalt bestritt sie wie ihr Freund Pasternak mit Übersetzungen, unter anderem von Shakespeare und Dante. Sie „ist nicht mit denen, die das Land verlassen haben“, sie kommt den Aufforderungen und Einladungen ihrer emigrierten Freunde nicht nach und weigert sich, ins westeuropäische Exil zu gehen. Als eine der wenigen oppositionellen Kräfte bleibt sie in Leningrad zurück – zum Schweigen verurteilt.

Jevgenij Rejn deutet mir Achmatowas selbstquälerische Weigerung: „Ihr Schicksal ist etwas ganz besonderes. Und ihr war das auch bewußt. Sie hat sich ihm nicht zu entziehen versucht. Ihre Entscheidung, dem Schicksal die Stirn zu bieten und all dem entgegenzusehen, was die politische und persönliche Situation für sie bereithielt. Sie nahm all das an. Und wie es in einzelnen ausgewählten fatalen Fällen geschieht, wollte es das Schicksal, daß sie am Leben blieb, damit sie die Zeiten miteinander verbinde – wie Hamlet sagt: ‚Um die Fugen der Zeit wieder einzurenken.‘“

Josef Stalin fürchtet die Dichterin, von derem geheimen Einfluß auf die russische Intelligenzija er weiß. Er fürchtet ihre Poesie als Ausdrucksmittel und Waffe einer intellektuellen Elite. Achmatowas Jahrhundertgedicht „Requiem“ gilt als das literarische Zeugnis in der Ära stalinistischer Gewaltherrschaft. Es entstand in den späten dreißiger Jahren und ist ein Reflex auf die Ermordungen ihrer Freunde und auf die – von Stalin angeordneten – Verhaftungen ihres Sohnes, der insgesamt achtzehn Jahre interniert war. Das „Requiem“ überlebte Stalins Terror – ungeschrieben, aber auswendig gelernt, in den Köpfen ihrer engsten Freunde. Und nur so wird es der Nachwelt erhalten: „Der Wahnsinn hat mit seinem Fittich / Die Seele mir zur Hälfte schon verhüllt, / Tränkt mich mit feuerglühendem Wein, / Und lockt mich in das schwarze Tal hinunter. / Und ich begreife, daß ich ihm / Den Sieg nicht werde wehren können, / Wenn meinem Fieberwahn ich schon / So wie dem eines Fremden lausche.“

Anna Achmatowa wartet über Monate, oft nächtelang vor den Gefängnismauern auf eine Nachricht über das Schicksal ihres todgeweihten Sohnes. In ihrer Verzweiflung ist sie dem Wahnsinn nah. Am Rande des Irrsinns versucht sie, Stalin mit Gedichten gewogen zu machen, um den Sohn zu retten. Diese Gedichte finden sich heute in keiner Ausgabe. Im August 1946 wird sie vom mächtigen Parteisekretär Shdanov attackiert, sie sei „halb Nonne, halb Dirne ... volksfremd und stamme aus dem aristokratischen Sumpf“. Ihre Poesie sei durchtränkt von nervöser Debilität, typisch für degenerierte Adelsdamen. Sie wisse nichts über die werktätige Frau. Ihre Heldinnen seien kapriziöse Persönchen, nur geeignet, sich zu amüsieren.

In den Nachkriegsjahren erscheinen nur wenige Nachdrucke ihrer frühen Gedichte. „Poem ohne Held“ – im Westen gedruckt – wird ihr wichtigster Gedichtzyklus in den Folgejahren. In seinem Zentrum steht der Mythos von Petersburg, er ist ganz der Arbeit des Gedächtnisses gewidmet. Brodsky attestiert dieser Lyrik einen Ton „beherrschten Entsetzens“. Er berichtet davon, wie sie mit ihren Manuskriptkoffern in fremden Wohnungen logierte. Mobiliar besitzt sie kaum: „Etwa viermal im Jahr wechselt sie ihre Wohnung: Moskau, Leningrad, Komarovo, wieder Moskau usw. Das Vakuum, das durch das Fehlen einer Familie entstanden ist, füllt sie mit Freunden, die sich um sie kümmern und für sie sorgen. Sie war außerordentlich anspruchslos, und mehr als einmal, wenn ich sie zu Besuch antraf, fand ich sie hungrig.“

Anna Achmatowa stirbt mit 77 Jahren, am 5. März 1966, in der Nähe von Moskau. Noch ihr Begräbnis ist von Schikanen begleitet. Die Offiziellen fürchten eine Demonstration – wie bei der Beisetzung von Pasternak. Man versucht vergeblich, die Bestattung geheimzuhalten.

Mit Anna Achmatowa endete eine Epoche. Sie war eine der letzten Stimmen des neunzehnten Jahrhunderts. In Leningrad wartet man heute zur Zentenarfeier gespannt darauf, ob man es endlich wagt, ihrem im „Requiem“ verewigten letzten Willen zu entsprechen: Sie wünschte sich einen Gedenkstein vor dem Gefängnis ihres Sohnes.