Von Klaus Garber

Königsberg besaß eine große, 700 000 Bände umfassende Staats- und Universitätsbibliothek und eine kleinere, aber mit über 100 000 Bänden gehaltreiche Stadtbibliothek. Zusammen mit denen in Danzig und Breslau bildeten die Königsberger Bibliotheken die drei großen Sammelzentralen des deutschen Ostens, für Westpreußen, für Schlesien und für Ostpreußen.

Die Königsberger Bücher waren wie die aller anderen größeren Bibliotheken im Kriege in ihren wertvollsten Beständen ausgelagert, ohne daß man in Ostpreußen weit entfernte Bergungsorte für die Bücher hätte suchen müssen; die umliegenden Schlösser, Herrensitze, Güter boten sich an. Vieles aber blieb natürlich auch in Königsberg selbst, in den Gebäuden der Bibliotheken, im Dom, in Bunkern und so fort. Im jetzigen Kaliningrad, so ist zu hören, wird der Buchliebhaber in absehbarer Zeit an Ort und Stelle wieder arbeiten und sich umtun können. Genauso wichtig aber ist die Inspektion der polnischen und sowjetischen Bibliotheken, denn die Auslagerungsorte befanden sich gleichermaßen auf dem späteren polnischen wie sowjetischen Staatsgebiet. Mit Erfolg suchen kann man nur gezielt; dann erst begegnet der Kenner immer auch dem Unerwarteten. Lapidar heißt es in dem schönen Simon-Dach-Artikel von Erich Trunz in „Musik in Geschichte und Gegenwart“: „Die Königsberger Bestände im 2. Weltkrieg vernichtet.“ Heute nach mehreren Reisen durch Ost- und Westeuropa und die Sowjetunion dürfen wir sagen: Ganz so hoffnungslos ist die Lage glücklicherweise nicht. Es bedarf nur Ausdauer und Phantasie beim Suchen.

Und es sind nicht nur die neue Universitätsbibliothek von Thorn oder die zuletzt von den Nazis so grausam heimgesuchte Warschauer Nationalbibliothek, die hier schönste Überraschungen bieten. Blättert der Benutzer der Leningrader Akademiebibliothek in dem Katalog rarer und wertvoller Bücher nach Königsberger Autoren, beziehungsweise Sammelbänden mit Königsberger Drucken, so erhält er in vielen Fällen dickleibige, ausgezeichnet erhaltene schweinslederne Bände – mit einem immer gleichen Ex libris Wallenrodia. Damit weiß der Kenner, daß er hier in Leningrad erstmals zu einer Königsberger bibliophilen Rarität ersten Ranges vorgestoßen ist. Die Wallenrodts, ehemals im Fränkischen beheimatet, waren in Preußen zu einem der führenden Adelsgeschlechter aufgestiegen und vielfach in staatlichen Spitzenpositionen zu finden. Der Begründer der Bibliothek Martin von Wallenrodt wurde 1619 zum Kanzler des Herzogtums Preußen ernannt; sein Sohn Johann Ernst besetzte als Landhofmeister den wichtigsten Posten in Preußen und Ernst von Wallenrodt schließlich, der dritte große Förderer der Bibliothek, erhielt 1680 das Amt eines Obertribunalrats und zeichnete in dieser Funktion zahlreiche Bücher aus seinem Besitz für die Familienstiftung aus. Über Jahrhunderte standen die Bücher in zwei anheimelnden Lesezimmern des ehrwürdigen Königsberger Domes.

Die Bibliothek umfaßte gut 10 000 Bände. Das schien nicht übermäßig viel gemessen an anderen privaten Kollektionen. Doch unter ihnen waren Hunderte von Sammelbänden, die wiederum vielfach weit mehr als hundert Drucke bargen, darunter die uns heute so sehr interessierenden, weil zumeist einmaligen Leichenpredigten, akademische Disputationen, Hochzeitsgedichte, Gratulationsgedichte, Flugschriften und so fort. Nur die Dubletten, etwa 4500 Stück, waren zu Anfang des 20. Jahrhunderts im Dom geblieben; die in der Königlichen Universitätsbibliothek nicht vorhandenen Stücke und damit gewiß eben auch die Gelegenheitsgedichte waren dorthin überführt worden. Die Bücher im Dom verbrannten 1944. Aber die gesondert in der Universitätsbibliothek aufgestellten Wallenrodt-Bände waren verpackt, konnten jedoch nicht mehr abtransportiert werden – fehlte es doch wie überall an Transportmöglichkeiten – und fielen den Siegern in die Hände. Niemand vermag heute zu sagen, ob alles gerettet werden konnte, da keine gedruckten Kataloge existierten, und die Zettelkarteien gleichfalls 1944 verbrannten. In der Akademie-Bibliothek zu Leningrad sind die Wallenrodia nicht wieder geschlossen aufgestellt worden, man muß sich also prinzipiell durch ungezählte Altdrucke durcharbeiten. Stichproben aber zeigen, daß Tausende von Königsberger Drucken und der umliegenden Städte und Regionen allein aus der Wallenrodtschen Bibliothek auf uns gekommen sind, die einen wichtigen Baustein für die Rekonstruktion des literarischen Lebens im Königsberg der Frühen Neuzeit bilden.

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Der Nachtzug aus Leningrad läuft noch bei tiefer Dunkelheit in der estnischen Hauptstadt Reval (Tallinn) ein. Der Name des hochmodernen Hotels Olympii hält die Erinnerung an die Segelregatten während der Olympischen Sommerspiele 1980 wach, die auch Tallinn eine merkliche Modernisierung brachten, die Altstadt jedoch glücklicherweise unversehrt ließen. Vom Hotel aus bietet sich ein unvergeßliches Panorama dar. Der mittelalterliche Stadtkern ist immer noch von der vielfach erhaltenen Stadtmauer mit den mächtigen Wehrtürmen eingefaßt. Ein buntes Gewirr von Ziegeldächern, Kirch- und Stadthaustürmen beherrscht das farbenfrohe Bild in der morgendlichen Sonne. Zur Linken das mächtige Schloß mit der Schloßkirche und der russisch-orthodoxen Kirche, zur Rechten die alte Olai-Kirche mit ihrem steil aufragenden Turm, in der Mitte die schlanken Türme des spätgotischen Rathauses sowie der Heilig-Geist-Kirche und im Hintergrund der Hafen an der Ostsee, der Revals Reichtum in der Blütezeit der Hanse ausmachte.