Auch Reval hat beim russischen Vormarsch 1944 gelitten. Der historische Stadtkern jedoch ist, von ein, zwei Straßenzügen abgesehen, in einer Weise bewahrt, die der Bewohner der Bundesrepublik nicht mehr kennt. Keine Straßenschneisen, keine nachträglichen Fußgängerzonen, keine der alten Bausubstanz imputierten Kaufhöfe, Banken, Versicherungen; aber auch keine postmodernen Retuschen, sondern die gewachsenen Schichten der Stadt erhalten und derzeit fieberhaft von polnischen Spezialteams restauriert. In wenigen Jahren werden die Arbeiten im wesentlichen abgeschlossen sein. Und wie in Riga, wie in Wilna, wie in Lemberg erwarten die Besucher dann historische Ensembles in einer Dichte und Authentizität, wie sie der Gast aus der Bundesrepublik in seiner Heimat nach der Expansion, deren Preis wir heute erkennen, nicht mehr zu Gesicht bekommt.

Reval ist mit der deutschen Literatur des 17. Jahrhunderts vor allem durch die Gestalt Paul Flemings verknüpft. Als Mitglied der Holsteinischen Gesandtschaft, die nach Moskau und Persien zog, weilte Fleming 1636/37 und 1639 in seiner Wahlheimat. Die deutsche Dichtung in Opitzscher Manier hat er ins ferne Reval getragen und mit seinen Freunden aus dem Kreis des soeben von Gustav Adolf gegründeten Gymnasiums zu einer unverwelklichen Blüte geführt. Was aber ist die Folge? Die rührigsten Köpfe, an der Spitze Reiner Brockmann, Griechisch-Professor am Gymnasium, denken weiter. Was im Deutschen im Zeichen Opitzehs möglich ist, muß auch im Estnischen gelingen. Und so stehen Opitz und Fleming zugleich Pate bei der Geburt der estnischen Dichtung noch in den dreißiger Jahren des 17. Jahrhunderts. So rasch wie die Lutherische Reformation übers Land gekommen war, so rasch wird die neue klassizistische Dichtung unter dem Stern der Antike eingebürgert.

Alsbald machen Brockmann und seine Freunde sich eine Freude daraus, mehrsprachige Gedichte zu schreiben, am Anfang mit griechischen und lateinischen Beiträgen, dann mit deutschen und estnischen. Könnte die innere Einheit, das wechselseitige Nehmen und Geben im europäischen Literaturbetrieb der Frühen Neuzeit schöner zum Ausdruck kommen als in dieser Stadt zwischen den Kulturen? Die nationalen Grenzziehungen sind auch in der Literatur ein Produkt des spätbürgerlichen 19. Jahrhunderts.

Sind diese und andere literarische Kostbarkeiten erhalten? Ja, glücklicherweise, zu einem großen Teil. Zwar ist die alte Gymnasial-Bibliothek, die dieses Gut der gelehrten Dichter vor allem barg, schon im Ersten Weltkrieg zerstreut worden. Doch im Staatlichen Archiv zu Reval, in der reichhaltigen Bibliothek der alten Universitätsstadt Dorpat (Tartu) und in der neuen estnischen Gründung, der Akademie-Bibliothek wiederum in Reval, haben sich manche der gymnasialen Schriften erhalten. Auch im Baltikum bildeten sich im 19. Jahrhundert in Dorpat, in Reval, in Riga, in Mitau und anderswo historisch-kulturelle Vereinigungen zur Pflege und Archivierung der Zeugnisse aus der Vergangenheit. In Reval konstituierte sich die Estnische Literarische Gesellschaft. Sie brachte eine große Bibliothek zusammen, in der nach Vereinigung mit der alten Olai-Biliothek die literarische Überlieferung vornehmlich aus Estland und also aus Dorpat, Reval und Narva zusammenfloß. Die Akademie-Bibliothek hat dieses große Erbe angetreten. Hier ist heute ein kleines, aber überaus engagiertes Team damit befaßt, alle in Estland gedruckten Werke gleich welcher Sprache und alle auf Estland bezogenen aus dem Ausland in einer vielbändigen retrospektiven National-Bibliographie zusammenzuführen. Noch ein paar Jahre und wir werden über die estnischen wie die deutschen oder lateinischen Drucke des Landes umfassend informiert sein ...

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Riga war bis zum Kriege das geistige, aber – neben Dorpat – auch das bibliothekarische Zentrum des Baltikums und stand in engstem Kontakt mit den deutschen Ostseestädten, voran mit Königsberg. Wenigstens drei herausragende Bibliotheken hatten hier nebeneinander ihren Platz: Die ehrwürdige Stadtbibliothek, die Bibliothek der Gesellschaft für Geschichte und Altertumskunde der Ostseeprovinzen Rußlands und die Bibliothek der Livländischen Ritterschaft – sie alle natürlich auch mit großen Handschriften-Fonds ausgestattet. Was ist aus ihnen geworden? Mir ist keine Darstellung bekannt, die ihr Schicksal in den Jahren zwischen 1935 und 1945 nachzeichnet, in denen der größte Umbruch in der Überlieferungsgeschichte des geistigen Lebens im Baltikum statthatte. Die Erinnerung der Älteren verblaßt, viele der geschichtlichen Zeugen sind nicht mehr am Leben. Wird die Rekonstruktion der historischen Buchbestände in den Mauern der Stadt Schritt halten mit der glanzvollen Restaurierung des historischen Stadtbildes an der Düna? Wie sehr wünschen wir es und können hier nur ein paar Hinweise geben.

Jahrhundertelang war die Stadtbibliothek Riga, die berühmte noch in die Reformationszeit zurückreichende Bibliotheca Rigensis, im Kreuzgang des Rigaer Doms untergebracht. Wäre sie dort geblieben – vielleicht hätte sie den Krieg unversehrt überstanden. Doch die Bürgerschaft gedachte, ihrer Bibliothek etwas besonders Gutes und Zukunftsweisendes zu tun, indem sie sie 1891 in das eben freigewordene alte Rathaus in der Nähe der Dünabrücke überführte, wo Platz für Generationen war – doch zwei Generationen später war hier alles Leben ausgelöscht. Im Juni 1941 rückten die deutschen Truppen vor, die breite Düna mußte überquert werden, und der Übergang wurde mit heftigem Artilleriebeschuß vorbereitet. Das historische Ensemble um die Dünabrücke sank in Schutt und Asche, das überreiche Schwarzhäupterhaus, die Petrikirche mit ihrem schmucken barocken Turm und eben auch das alte Rathaus.