Der eine entwickelt in seinem Buch „Eine kurze Geschichte der Zeit“ spektakuläre Thesen zu Ursprung und Ende des Universums, der andere führt uns in eine bislang verschlossene zweite Welt. Aber während der brillante englische Physiker Stephen Hawking erst als junger Mann von einer grausamen Nervenkrankheit in den Rollstuhl gezwungen und der Computer zu seinem alleinigen Verständigungsmedium wurde, ist der irische Schriftsteller Christopher Nolan von Geburt an stumm, spastisch gelähmt am ganzen Körper, nicht in der Lage zu einfachsten, verläßlich abrufbaren Bewegungen. Mittels eines am Kopf befestigten Stabes versucht er durch Nicken die Tasten der Schreibmaschine zu treffen, eine schon für Nichtspastiker schwierige Aufgabe, bei Nolan zusätzlich erschwert durch Krämpfe und Verspannungen, die ihn gerade dann überfallen, wenn er unter Aufbietung aller Willenskraft versucht, einen wichtigen Gedanken, eine ausgefallene Formulierung festzuhalten.

Christopher Nolan ist 24 Jahre alt. Sein autobiographischer Roman „Unter dem Auge der Uhr“ ist das Buch eines hochbegabten jungen Schriftstellers. Nolans literarisches Können benötigt keinerlei Bonus. Er hat durch sein erzählendes Alter ego, den spastisch gelähmten Joseph Meehan, die Geschichte seiner Behinderung im Roman selbst zum Thema gemacht. Es ist ein ungeheuerlicher Vorgang, wie hier zum ersten Mal Schweigen aufgebrochen wird: Hier schreibt ein Autor, der nie einen Dialog geführt hat, der seine Sprache nie zuvor erproben konnte, dessen Weltwahrnehmung einzig auf Hören und Sehen reduziert ist.

Nolans/Meehans Behinderung rührt von einer Schädigung seines Gehirns während der Geburt her. Was für ein Leben! Lediglich durch Verdrehen der Augen kann er Signale ausschicken, deren Botschaft Mutter Nora dann zu entschlüsseln weiß. Sie ist es auch, die sich, als das Kind siebzehn Monate alt ist, von einem Arzt ihre Beobachtung bestätigen läßt, daß ihr Sohn „augenscheinlich eine normal entwickelte Intelligenz besaß“. Mit sechs besucht der Junge die Central Remedial School, ein fürsorgliches Reservat, in dem jeder Schüler „eine andere Form der Behinderung zu bieten“ hatte.

Aber Josephs stummer Ehrgeiz geht weiter. Er erreicht die Aufnahme an der Mount Temple High School in Dublin, und „unter dem Auge der Uhr“, die am Turm des Schulgebäudes angebracht ist, wird Joseph den Kampf aufnehmen, sich den ihm zustehenden Platz in dieser Welt der schöngewachsenen, körpertüchtigen Jungen und Mädchen zu erobern. Christopher Nolans Buch erzählt davon, wie Joseph den Schulalltag erlebt und erleidet, eingeschlossen in das Gefängnis eines Körpers, der ihm jede Ausdrucksmöglichkeit versagt, bis auf das Augenrollen, sein Lächeln und zustimmendes Nicken des Oberkörpers. Wir erfahren, wie er sich dennoch Freunde gewinnt und mit welch nie endender Seelenstärke und zärtlichem Herzen seine Familie dieses Leben mitträgt.

Der Text hat Passagen, in denen die beobachtete Umgebung, die vorbeiziehenden Ereignisse mit ungewöhnlichem Scharfblick und mit der abgeklärten Weisheit des ewigen Zuschauers beschrieben werden, in einer eigenwillig kantigen und doch musikalischen Prosa, die ihre Tonlagen von ironisch trocken bis zu emphatisch modulieren kann. Gebrochen wird dieser markante Realismus durch Ängste und Träume, die zensierten Wünsche und beschnittenen Hoffnungen, den sich aufbäumenden Kummer, was alles als Tag- und Nachtmahr die Phantasie des Joseph Meehan heimsucht. Nolan reißt dann seine Sprache hoch in visionäre Bildwelten, jongliert gleichzeitig auf mehreren Bedeutungsebenen und versucht, Sinngehalte und Vorstellungen über die semantische Konvention hinaus zu schaffen, was ihm bei der englischen und irischen Kritik den Vergleich mit seinem Landsmann Joyce einbrachte.

Das alles kann man allerdings nur erfahren, wenn man die englische Ausgabe von „Unter dem Auge der Uhr“ liest. Nolans deutscher Verlag präsentiert das Buch in einer Übersetzung, die nicht nur an komplizierten Stellen, sondern schon bei simpelsten Basis-Sätzen versagt.

Da „Gefestigte“ etwa Josephs Jugend in ihm einen Entschluß, wenn zwei Jungen es mit der Angst zu tun kriegen, dann „Gewahrten“ sie trotzdem das Gesicht, aus able-bodied boys and girls die in bewußten Kontrast gesetzt werden zum stummen Krüppel, werden „schöngewachsene Jungen und Mädchen“, wo wohl eher auf ihre Körpertüchtigkeit angespielt wird, und ein cidersweet comment steht im Umbruch noch ominös als „rauschersüß“, in der veröffentlichten Fassung taucht er lediglich als „süße Bemerkung“ auf.