Im griechischen Wahlkampf witzelten Rechte immer wieder über die grüne Halb-Sonne, das Emblem der sozialistischen Pasok-Partei von Regierungschef Andreas Papandreou. Was kundige das Gestirn des Andreas wohl an, fragten die Spötter in gespielter Ahnungslosigkeit: einen neuen Aufgang oder den Untergang? Aus dem Wahl-Witz ist nach dem vergangenen Sonntag ernste Wirklichkeit geworden. Die Sonne des Wahlsieges ist für keine Partei aufgegangen. Keine der beiden großen Parteien ist zur absoluten Parlamentsmehrheit und zur Regierung fähig.

Nach diesem Wahlgang herrscht in Athen rundum Katerstimmung. Es gibt nur Verlierer. Zwar legte sich der konservative Oppositionsführer und Nea-Dimokratia-Chef Konstantin Mitsotakis sofort fest: „Wir haben gesiegt.“ Doch seine 44,8 Prozent reichen nicht zur absoluten Mehrheit und bringen nur 145 statt der benotigten 151 Parlamentssitze ein. Die „Nea Dimokratia“ wurde nach acht Jahren wieder stärkste Partei und erhöhte ihren Stimmanteil im Vergleich zu 1985 um vier Punkte. Doch Mitsotakis ist es offensichtlich nicht gelungen, die Schwächen und Finanz-Waffen-Sex-Skandale der Papandreou-Regierung wirklich zu nutzen. Er präsentierte keine glaubwürdige Alternative.

Auch Papandreou kann nicht mehr regieren. Seine Pasok hat sieben Prozentpunkte verloren und ist auf 38,8 Prozent geschrumpft: Eine klare Quittung für all die Ernüchterung und Desillusion, die von der Papandreou-Ara übrigbleiben. Aus dem „großen Wandel“ und der notwendigen Modernisierung der griechischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ist nichts geworden. Diesen fortschrittlich-sozialistischen Programmen standen die Zeichen der Zeit, aber auch die antiquierte Persönlichkeit Papandreous entgegen. Er komplettierte die 1974 wiederhergestellte griechische Demokratie und heilte die Gesellschaft durch Versöhnung der alten Bürgerkriegslager.

Neu und modern jedoch ist in diesem Griechenland Papandreous nichts geworden. Unter seiner Patriarchenfuchtel blühten Günstlingsherrschaft, Clan- und Cliquentum, Korruption, Pressemanipulation, Demagogie. Servile Unterwürfigkeit wurde belohnt, kritisches Aufmucken bestraft. Die Vision des „großen Wandels“ degenerierte zur populistischen Effekthascherei und skrupellosen Geldmacherei mit verheerenden Folgen für Volkswirtschaft, öffentliche Interessen und Moral.

Dennoch ist es Papandreou gelungen – das ist die eigentliche Wahlüberraschung –, den Schaden zu begrenzen. Der Pasok-Verlust war groß genug, um die bisherige Vormachtstellung aufgeben zu müssen, aber nicht so groß, daß nun die konservative Nea Dimokratia nach der Macht greifen könnte. Im Gegensatz zu Mitsotakis, der jetzt auf die schier aussichtslose Suche nach sechs Zusatzstimmen und absoluter Parlamentsmehrheit auszog, erscheint eine Regierungskoalition von sozialistischen Pasok und kommunistischer Linksallianz durchaus möglich.

Papandreou signalisierte bereits, daß er darauf setzt: „Die Reaktion ist größte politische Partei geworden, doch im Parlament herrscht eine demokratische und fortschrittliche Mehrheit.“ Noch weigern sich allerdings die Kommunisten, mit Papandreou und der „jetzigen Pasok-Führung“ gemeinsame Sache zu machen. Doch das letzte Wort ist keineswegs gesprochen. Das große Feilschen auf dem Athener Politbazar hat gerade erst begonnen. Der Reihe und Stimmengröße nach, wie von der Verfassung festgelegt, werden jetzt Konservative, Sozialisten und Kommunisten vom Staatspräsidenten mit der Regierungsbildung beauftragt. Vorgesehen sind auch die eventuelle Einsetzung einer Allparteienregierung oder eines mit Neuwahlen beauftragten Verwaltungskabinetts.

Selbst wenn es gelingen sollte, das Patt durch Koalition oder Kooperation zwischen Pasok-Sozialisten (38,8 Prozent der Stifnmen und 124 Sitze) und Kommunisten (12,8 Prozent und 29 Sitze) zu überwinden, muß sich Athen wohl auf zerbrechlichere politische Kräfteverhältnisse einstellen. Hellas ist noch nicht reif für das Europa von 1992 und das Jahr 2000. Allenfalls eröffnen diese Wahlen die Chance eines verspäteten Generationen- und Führungswechsels – und damit auch die Chance für eine echte politische Erneuerung.

Andreas Kohlschutter