Von William Pfaff

PARIS.– Es ist das Schicksal von Revolutionen, mißverstanden zu werden. Noch sind die Nachwehen der fünfzig Tage von Peking ungewiß. Erst die Zukunft wird die Konsequenzen dieser ungewöhnlichen Episode aufzeigen.

Der folgenreichste politische Mythos des späten neunzehnten Jahrhunderts war der der Pariser Kommune. Auch damals hatten Bürger eine Stadt gegen den Willen ihrer Regierung übernommen; schließlich schlug die Regierung zurück und siegte. Der Mythos der Kommune prägte die radikale Intelligenzija jener Zeit und beeinflußte auch Lenins Verhalten in der Russischen Revolution. Zwar entsprach dieser Mythos nicht der Realität, doch den Lauf der Geschichte veränderte er dennoch.

Selbst in ihrem Scheitern signalisieren die fünfzig Tage von Peking eine grundlegende Veränderung. Das Ergebnis mag lange auf sich warten lassen. Aber die freien Wahlen, die soeben in Polen abgehalten wurden, hatten ihren Ursprung auch in einem verbotenen Streik Danziger Werftarbeiter, der jetzt fast zehn Jahre zurückliegt. Was heute in der Sowjetunion geschieht, nahm seinen Anfang womöglich im Ungarn-Aufstand von 1956, der bei der sowjetischen Elite die ersten, nachhaltigen Zweifel auslöste: Zweifel an der moralischen Position der Sowjetunion und Zweifel an einer Ideologie, die behauptet, Arbeiter würden, ja müßten einer „sozialistischen“ Regierung immer beispringen.

Heute tut die Regierung in China alles in ihrer Macht stehende, um den Eindruck zu verwischen, die fünfzig Tage von Peking seien eine Demonstration politischer Unschuld und Spontaneität gewesen. Sie weiß, wie gefährlich derartige Mythen auf die Dauer sind. Dennoch hat sich der Gedanke bereits selbständig gemacht und läßt sich nicht mehr kontrollieren.

Nehmen wir die Pariser Kommune als Beispiel. Ihr Mythos entpricht den Ereignissen in Peking mehr als der damaligen Wirklichkeit von 1871 – dem Gefühl spontaner Befreiung und anarchischer Gemeinsamkeit, wie es die chinesischen Studenten empfanden. Die Pariser wollten nur die Selbstverwaltung ihrer Stadt. Ihre Forderungen waren praktischer, nicht ideologischer Natur. Sie waren über die Inkompetenz einer Regierung verbittert, die erst Preußen den Krieg erklärt und ihn dann verloren hatte, um nach viermonatiger Belagerung der Stadt schließlich zu kapitulieren. Und sie waren Zeugen, wie der preußische König im Schloß von Versailles zum Kaiser gekrönt wurde.

Als es dann zwischen der Pariser Bürgerwehr und Armee-Einheiten zu Zusammenstößen kam, floh die Regierung Hals über Kopf nach Versailles. Die Pariser übernahmen die Verwaltung ihrer Stadt. „Kommune“ war der Name, den der neugewählte Stadtrat sich selbst gab; er hatte nichts mit der Gesellschaftstheorie des Kommunismus zu tun. Der Historiker Theodore Zeldin schreibt, die Hauptbeschäftigung der Kommune „bestand darin, für Ernährung und Verteidigung zu sorgen .. ., sie hatte gar nicht die Zeit, weitreichendere Reformen einzuführen, geschweige denn auszuprobieren“.