Im deutschen Strafgesetzbuch gibt es einen Paragraphen 216 scheint keinem vernünftigen Zweifel ausgesetzt.

Oder doch? Vor Jahren wurde in einem schwedischen Strafprozeß der folgende Fall verhandelt: Ein Lkw Fahrer geriet mit seinem Beifahrer auf einsamer Strecke in einen schweren Unfall und wurde zwischen massiven Stahlblechteilen ausweglos eingeklemmt. Der Wagen fing Feuer. Als der Eingeklemmte am ganzen Leib zu brennen begann, flehte er seinen Begleiter an, ihn mit der Axt zu erschlagen. In höchster Gewissensnot schlug der Beifahrer zu und bewahrte den Eingeklemmten durch diesen schnellen vor einem qualvollen anderen Tod.

Strafwürdig? Nach deutschem Recht hat die Frage wenig Sinn. Der Paragraph 216 läßt keinen, jedenfalls keinen juristisch sauberen Ausweg zu. Hätte der Beifahrer zur Vermeidung einer Kriminalstrafe wegen "Tötung auf Verlangen" seinen Kollegen verbrennen lassen sollen?

Vorgänge wie dieser dürften selten sein. Doch die innere Logik seines Konflikts gehört zu den Alltäglichkeiten der Intensivstationen unserer Krankenhäuser: Darf das letzte Mittel der Schmerzbekämpfung bei schwer leidenden Todkranken deren Tötung sein? Über den zahlreichen Problemvarianten hinter dieser Frage steht als Kennzeichen ein Wort, auf das aus dem dunkelsten geschichtlichen Hintergrund unseres Jahrhunderts ein riesenhafter Schatten fällt: Euthanasie. Noch einen anderen, beklemmenderen Bereich umfaßt der Begriff. Vor mehr als 25 Jahren tötete eine Mutter im belgischen Lüttich ihr neugeborenes Kind, das unter der Einwirkung von Contergan ohne Arme zur Welt gekommen war. Die Jury des anschließenden Strafprozesses sprach sie frei. Dem Urteil antwortete weltweit eine berechtigte Empörung. Contergankinder für mögliche Euthanasiefälle zu halten, ist eine grausame Verirrung. Während des Prozesses wurde im Gerichtssaal ein Brief des Sorbonne Professors Rene Heller verlesen. Nicht der verhandelte Fall, aber dieser Brief warf ein plötzliches Licht auf die Tatsache, daß das in Lüttich bloß fingierte existentielle Problem anderswo in trostloser Härte tatsachlich existieren mochte:

"Herr Präsident Ich bin selbst Vater eines Kindes, hirnleidend von Geburt an, dessen Leben seit 15 Jahren ein einziges Martyrium gewesen ist. Ich will hier nicht die rechtlichen, sozialen und religiösen Argumente diskutieren, die für sich genommen sehr schwerwiegend sind. Ich will nur von den Leiden eines Kindes berichten und Ihnen vor Augen führen, daß neben dem theoretischen Streit eine andere, viel einfachere Wahrheit existiert. Diese besteht nicht in Grundsätzen oder Ideen, so berechtigt sie sein mögen, sondern aus ununterbrochenem Stöhnen und schrecklichen Schreien, ganze Nächte lang, aus entsetzten Blikken, die einen im Unterbewußtsein anflehen Ich will mir versagen, weitere Einzelheiten mitzuteilen und Ihr Mitleid zu forcieren. Denn die Eltern solcher Wesen verlangen nicht Mitleid, sondern die ganze brutale Wahrheit und ein genaues Verständnis der Konsequenzen "

Der Rest der Gesellschaft, jedenfalls hierzulande, verlangt dies bis heute nicht. Denn zur Bestandsaufnahme der "ganzen brutalen Wahrheit" durfte zunächst der Verzicht auf jene doktrinäre Lebensblindheit gehören, die eine auch bei uns längst und vielfach praktizierte Euthanasie an mißgebildeten Kleinkindern hinter der Finesse ihrer begrifflichen Abstraktionen verschwinden laßt, um das gute Gewissen ihrer Ignoranz nicht zu gefährden. Und ein "genaues Verständnis der Konsequenzen" wird nicht zu haben sein ohne die ideologiefreie Verständigung über die ethischen und rechtlichen Grundlagen des Lebensschutzes; über die Folgen einer kompromißlosen Durchsetzung des abstrakten Prinzips "Lebenserhaltung"; und über dessen schwere, oft grausame Kollisionen mit anderen Fundamentalgeboten der Humanität. Damit ist weder für noch gegen irgendeine der vertretenen oder auch bloß praktizierten Positionen etwas gesagt. Nur dies: Auf einem wachsenden, von den rapiden Entwicklungen der Medizin Technologie genährten, in alle Wirren von Ethik, Recht und ärztlicher Praxis drängenden Dunkelfeld des gesellschaftlichen Umgangs mit Leben und Tod lastet seit Jahren der Alpdruck eines kollektiven Selbstbetrugs.

Wer in dieser Situation zu laut, zu deutlich oder unpopulär spricht, stößt an die Toleranzgrenzen eines faulen, aber aggressiv bewachten Friedens. Der australische Moralphilosoph Peter Singer, eine der international profilierten Gestalten seines Faches, war für die ersten beiden Juniwochen zu Vorträgen in die Bundesrepublik eingeladen worden: zwei davon geplant an den Universitäten Dortmund und Saarbrücken, einer fiir das Symposion "Biotechnik — Ethik — geistige Behinderung", das, organisiert von der Bundesvereinigung der Eltern geistig Behinderter, in Marburg stattfinden sollte. Es kam nicht dazu. In Dortmund wurde der Vortrag, in Marburg das ganze Symposion abgesagt, nachdem verschiedene Organisationen die notfalls gewaltsame Unterbindung von Singers Auftritten angekündigt hatten. Singer vertritt seit Jahren eine philosophische Argumentation für die Zulässigkeit bestimmter Formen der Euthanasie. Abgeleitet aus moralischen Grundprinzipien und von ihnen begrenzt, reichen seine Gedanken dennoch weit über die tabuisierten Limits der in Deutschland "sozialverträglichen" Debatte hinaus. Neben der einvernehmlichen aktiven Sterbehilfe für Leidende hält er in gewissen Fällen schwerer Behinderungen auch die Tötung von Neugeborenen für erlaubt, ja manchmal für ethisch geboten.