Die Einsamkeit Margaret Thatchers hätte an diesem Montag kaum größer sein können. Es war für sie und ihre konservative Partei ein schwarzer Tag. Bei den Europawahlen waren ihnen die Wähler davongelaufen. Der Rückgang ihres Stimmenanteils von fast 41 auf unter 35 Prozent hat viele Gründe. Aber niemand bestreitet, daß Frau Thatchers als negativ empfundene Haltung zur Europäischen Gemeinschaft zu der Schlappe beigetragen hat.

An diesem Tag erschien der spanische Ministerpräsident Felipe González in London, um als Präsident des Europäischen Rates Frau Thatcher zu einer kooperativen Haltung zu bewegen, wenn sich der Rat Anfang nächster Woche in Madrid trifft. Er hatte gerade überraschend die Peseta in das Europäische Währungssystem eingebracht. Großbritannien fand sich damit als ein Land, welches in splendid Isolation nicht an diesem Mechanismus der Integration teilnimmt, in der Gesellschaft nur noch von Portugal und Griechenland. Der stolze Spanier wagt den Sprung auf den Zug, während die britischen Zweifler und Zauderer auf dem Bahnsteig verharren.

An diesem Tag schließlich warfen Bonn und Paris der Opponentin in Downing Street den Fehdehandschuh hin. Die beiden Außenminister forderten in einer gemeinsamen Erklärung entscheidende Fortschritte auf dem Weg zu einer Wirtschafts- und Währungsunion, wie ihn der Delors-Bericht skizziert hat, und auch in der Erörterung der Charta sozialer Grundrechte, für welche die EG-Kommission einen Entwurf vorgelegt hat. Beides ist für Frau Thatcher ein rotes Tuch. Es wird in der spanischen Arena gleichwohl vor dem britischen Stier geschwungen. Teilnehmern und Zuschauern steht ein Spektakel in Madrid bevor.

Der Inselstaat ist keineswegs nur der Bremser oder unbeteiligte Zuschauer. Auf manchen wichtigen Gebieten sind die Briten die Wortführer der Reformen, so in der Agrarpolitik und bei der Liberalisierung von Dienstleistungen. London ist enthusiastisch, wenn es um den Binnenmarkt und „1992“ geht, denn Deregulierung, Liberalisierung und Privatisierung, der Export des Thatcherismus also, das ist für London der Weg zur Integration, die wahre Sozialpolitik, das europäische Ideal.

Aber anderen Ländern genügt der rein kommerzielle Binnenmarkt nicht. Sie wollen der Marktwirtschaft eine soziale Komponente geben. Und sie streben nach einer politischen Union. Deshalb sind in Downing Street die Warnsignale aufgeleuchtet. Man sieht Weichensteller am Werk, um dem Zug der Integration eine Richtung zu geben, in die sich Frau Thatcher nicht ziehen lassen will.

Das nun zehn Jahre alte Währungssystem mit dem Wechselkursverbund als seinem Kern ist hier das erste Problem. In der quälenden Diskussion haben die Befürworter eines vollen Beitritts eine überragende Mehrheit. Die Geschäftswelt ist dafür, weil sie sich beim Anschluß „zum richtigen Kurs“ Stabilität verspricht. Kommentatoren und Wissenschaftler sehen in der Bindung an die D-Mark einen antiinflationären Anker. Das glaubt auch Finanzminister Nigel Lawson, und sein Kollege Sir Geoffrey Howe vom Außenministerium meint, mit diesem Schritt gewinne man auch wieder Einfluß auf die weiterführenden Pläne. Aber es gibt einen Fels, an dem alle Forderungen zerschellen. Frau Thatcher läßt ihre marktwirtschaftliche Abneigung gegen den fixierten Währungspreis und ihren instinktiven Widerstand gegen das „Diktat der Bundesbank“ sprechen. Ihr Wirtschaftsberater Alan Walters rüstet sie mit den sorgfältig ausgewählten theoretischen Argumenten gegen ein „fragwürdiges System“ mit einer „bedrückenden Leistung“ aus, das unausgewogen, instabil und inflationär sei und letztlich wieder Kontrollen des Kapitalverkehrs erforderlich mache.

In diesem endlosen Streit hat Schatzkanzler Lawson die weiße Flagge gezeigt, wie es ein Kommentator ausdrückte. Er will erst seinen verzweifelten Kampf gegen die Inflation – die Rate beträgt acht Prozent und dürfte noch steigen – führen. Er will abwarten, bis sich wirkliche Erfolge „aus eigener Kraft“ einstellen. Außerdem will er erst einmal sehen, ob denn das Währungssystem noch stabil ist, wenn in einem Jahr die letzten Beschränkungen des Kapitalverkehrs zwischen den Mitgliedsländern gefallen sind.