Von Joachim Nawrocki

Am gleichen Tag, an dem in Bonn Tausende dem sowjetischen Parteichef Michail Gorbatschow zujubelten, kam aus dem Ostberliner Palast der Republik eine Warnung an seine Sympathisanten: „Je mehr ihre Hoffnungen schwinden, daß Umgestaltungen, Reformen in den sozialistischen Ländern eine Rückkehr zum Kapitalismus bedeuten könnten, um so weniger werden sie Sympathien bekunden für das, was sich zugunsten des Sozialismus vollzieht. Ihre Sympathiekundgebungen galten und gelten ohnehin nur bestimmten Kräften in den sozialistischen Ländern, auf die sie ihre Hoffnungen und Spekulationen setzen.“ Während mittlerweile auch in der DDR der bissige Spruch verbreitet wird, daß der Sozialismus der lange und mühselige Weg vom Kapitalismus zum Kapitalismus sei, klingen solche Sätze wie angstvolles Pfeifen im Walde.

Sie stammen von Margot Honecker, Ministerin für Volksbildung und Ehefrau des SED-Generalsekretärs. Ihre Vorstellungen von der sozialistischen Welt sind genauso unvollkommen wie ihr Bild von der Jugend im eigenen Lande: „Unsere Zeit ist eine kämpferische Zeit, sie braucht eine Jugend, die kämpfen kann, die den Sozialismus stärken hilft, die für ihn eintritt, die ihn verteidigt mit Wort und Tat, und, wenn nötig, mit der Waffe in der Hand. Daß unsere junge Generation so denkt und fühlt, das hat sie gerade kürzlich mit dem Pfingsttreffen der FDJ ... erneut demonstriert.“ Wo alle anderen Demonstrationen unterdrückt und zerschlagen werden, mag man vielleicht so reden; aber Margot Honecker ist vermutlich zu klug, um es auch zu glauben.

Worte und Taten klaffen weit auseinander. Im Dezember 1987 sagte die Volksbildungsministerin in einem Interview: „Schauen wir uns unsere Jugend an. Es sind aufgeschlossene, selbstbewußte, auch sehr kritische junge Leute, die natürlich auch manchmal über die Stränge schlagen, wie man so sagt. Aber wir wollen ja auch keine Musterknaben.“ Aber als ein Jahr später an der Ostberliner Carl-von-Ossietzky-Schule – also in ihrem Verantwortungsbereich – selbstbewußte und kritische junge Leute am Schwarzen Brett gegen neonazistische Erscheinungen und gegen Chauvinismus Stellung bezogen und schließlich fragten, ob Militärparaden zum Gründungstag der DDR am 7. Oktober noch zeitgemäß seien, da kam es zu einer Hexenjagd, wie sie für die DDR immer noch symptomatisch ist. Vier Schüler wurden relegiert, zwei auf andere Schulen versetzt. Es gab Tränen und Erniedrigungen, psychischen Druck und scharfe Befragungen. Ein Schüler fand den Mut, in der Schulversammlung zu erklären, daß er sich für seine Schule schäme. Der gewiß nicht regimefeindliche Schriftsteller Stephan Hermlin überbrachte der Ministerin eine Elterneingabe, natürlich ergebnislos.

Das ist die Welt der Margot Honecker. In ihr sind Schulen nichts anderes als Institutionen zur Heranbildung sozialistischer Persönlichkeiten, die von der Weltanschauung des Marxismus-Leninismus durchdrungen sind. Wer sich damit nicht ausrüsten läßt, der hat ungeachtet aller angeblichen Durchlässigkeit des Bildungssystems wenig Chancen. Die Kirchen klagen bis heute darüber, daß Schüler mit christlicher Weltanschauung allen Versprechungen zum Trotz nach wie vor diskriminiert werden. Gegen den Widerstand der Kirchen und vieler Eltern hat die Ministerin vor elf Jahren den Wehrunterricht mit praktischer Wehrausbildung schon für die 9. und 10. Klasse eingeführt; die Wehrerziehung fängt schon im Kindergarten an.

In einem Staat wie der DDR kann das auch gar nicht anders sein, denn das Erziehungswesen ist das entscheidende Instrument zur „Ausformung der sozialistischen Gesellschaft“. Schon den jungen Menschen soll die Überzeugung von der historischen Mission der Arbeiterklasse und vom Sozialismus als Zukunft der ganzen Menschheit eingebleut werden. Margot Honecker hält vom Pluralismus überhaupt nichts. Aber sie macht sich offenbar doch ihre Gedanken über die Wirksamkeit der sozialistischen Erziehung. Das wurde jetzt auf dem IX. Pädagogischen Kongreß der DDR wieder deutlich, auf dem die Ministerin eines der endlosen Referate hielt. Es füllt sechseinhalb Zeitungsseiten des großformatigen Neuen Deutschland. Auszug: „Die Vielfalt der Wege und Methoden kann und wird den Sozialismus als Ganzes bereichern, das versteht gerade die Jugend immer besser. Aber warum sollten wir der Jugend nicht auch klar sagen, daß sie sich zu Recht Sorgen macht darüber, wenn unter dem Motto der Vielfalt Konterrevolutionäre versuchen, ihr Süppchen zu kochen? Es ist doch gut so, daß unsere Jugend schon ganz gut unterscheiden kann, was Revolution und was Konterrevolution ist.“

In Wahrheit haben die meisten DDR-Jugendlichen ganz andere Sorgen. Es macht sie zornig, daß ihre Führung Beifall klatscht, wenn in China angebliche Konterrevolutionäre zusammengeschossen und hingerichtet werden. Sie akzeptieren es nicht, daß in der SED-Propaganda Pluralismus und freier Markt mit Konterrevolution gleichgesetzt werden. Sie nehmen es der Staatspartei nicht ab, wenn sie unbeirrt behauptet ihr Soll an Reformen längst erfüllt zu haben: „Was aber ist das Entscheidende, an dem sich die Jugend orientieren kann und soll?“ fragt Margot Honecker. „Das ist die Tatsache, daß die Sowjetunion und die anderen sozialistischen Länder, die einen früher ..., andere später, durch wissenschaftlich-technische Revolution herausgefordert, dazu übergegangen sind, die Produktivkräfte und die ihnen gemäßen Produktionsverhältnisse weiter zu entwickeln.“