Die Kunst als Ware und Material

Von Hans-Joachim Müller

Herr Mayer drückt die Bockwurst in die Senfpfütze. Gastronomisch gesehen, ist der Tag ja wieder eine einzige Katastrophe. Rein umsatzmäßig, sagt er, wolle er nicht klagen. Und deutet mit dem Wurstzipfel auf die leere Stelle an der Wand. Dort habe heute morgen noch ein Bild von C.O. Paeffgen gehangen. Dann eines von Roy Lichtenstein. Dann ein Don Judd. Kaum am Nagel, schon verkauft. Und jetzt müsse er sich scharf überlegen, was er überhaupt noch dabei habe.

Die Hans Mayer GmbH aus Düsseldorf gehört zu den Kunsthandlungen, die alljährlich im Sommer für ein paar Tage ihren Geschäftsort in die Schweiz verlegen. Auf die "Art" in Basel, die jetzt zwanzig Jahre alte internationale Kunstmesse. Dort fiel die Firma Mayer von Anfang an als sogenannter Branchenieader auf. Mit großzügig und ansprechend plazierten Edelmischungen gut bis sehr gut verkäuflicher Gegenwartskunst. Inzwischen sind die Basler Messetage zu einem Hauptereignis im Geschäftsjahr der Galerie geworden. Die Jubiläums-"Art" war gerade einen Tag alt, da war Herrn Mayers wie immer reichhaltiges Sortiment eindrucksvoll geschrumpft um verkaufte Bilder und Objekte von Imi Knoebel, Mario Merz, Daniel Buren, James Brown, Keith Haring, Bernar Venet, Jesus Raphael Soto, Günther Uecker, Vassilakis Takis und Gerhard Richter. Für dessen abstraktes Bild aus dem Jahr 1985 allein war rund eine halbe Million zu bezahlen.

Gisela Capitain und Max Hetzler aus Köln stehen doch etwas verblüfft und sichtlich ratlos in ihrem gemeinsamen Messestand. Die "Art" ist offiziell noch gar nicht eröffnet, da haben sie schon nichts mehr feilzubieten. Wie beim Schlußverkauf müssen die Galeristenkollegen und Sammler eingefallen sein und die Beute ohne Rest unter sich aufgeteilt haben. Sämtliche Bilder, Zeichnungen und Objekte von Günther Förg, Georg Herold, Albert Oehlen und Martin Kippenberger sind mit roten "Verkauft"-Punkten garniert. Rien ne was plus. Dabei haben die begehrten Arbeiten, die meist erst ein paar Jahre oder noch kürzer auf dem Markt sind, doch auch schon ihren stattlichen Preis. Zwischen 30 000 und 40 000 zum Beispiel kosten Georg Herolds (laut "Bilderstreit" – Katalog) "transsemiotische Denkobjekte".

Vor zwanzig Jahren – der kartellartige Kölner Kunstmarkt des Vereins progressiver deutscher Kunsthändler und die offene "Art"-Kunstmesse in Basel trugen gerade ihr erstes Duell aus – erschien im ZEIT-Feuilleton eine Serie "Kunst als Ware der Bewußtseinsindustrie". In apodiktischem Basisgruppendeutsch befand da die Berliner SDS-Gruppe "Kultur und Revolution": "Der objektive Gehalt von Kunstwerken, die aufklärerische Funktion werden uninteressant für ein System, das nur Profitmaximierung im Kopf hat..."

Natürlich nährte auch seinerzeit das Geschäft mit der Ware Kunst einen expandierenden Markt. Aber selbst die blühendste "Phantasie im Spätkapitalismus" hätte sich noch nicht vorstellen mögen, daß die Kunst von diesem Markt einmal ununterscheidbar und einträchtig mit dem "System" das lustvoll anstrengende Geschäft der "Profitmaximierung" betreiben würde. Schien damals noch ein Rest Integrität, das unversehrte Interesse an "aufklärerischen Funktionen" gerade dort aufbewahrt, wo sich Kunst als unvermarktbar erwies, müßte die SDS-Analyse der Kunst heute bescheinigen, daß von ihrem wahren Charakter wohl erst ihr entfesselter Warencharakter zeugt.

Enttäuscht habe ihn die Basler Messe ja wahrhaftig nie, aber eine solche Kaufbereitschaft sei doch auch für ihn überraschend: "Kaufbereitschaft" nennt der erfolgsverwöhnte Kunsthändler Hans Mayer die offensichtlich totale Mobilisierung unvorstellbarer Geldsummen auf dem Kunstmarkt. Wobei der obsessive Nur-Sammler und der erklärte Spekulant längst keine sauber geschiedenen Kategorien mehr bilden. Ob nun der neue Breitensport Kunsterwerb sich verlockenden Anlagekonditionen verdankt oder den nicht weniger verlockenden Möglichkeiten zur Image-Pflege, zur sozialen Qualifizierung, bleibt sich ziemlich gleich, solange der Galerist nur irgend etwas hat, was er an die immer wieder leere Stelle seiner Kojenwand hängen kann. Ein Drittel Handel, zwei Drittel private Sammler, beschreibt er seine Kundschaft. Um die früher noch üblichen Händlerrabatte werde heute kaum noch gefeilscht. Denn der neue Besitzer könne davon ausgehen, daß er das teuer erstandene Kunstwerk umgehend wesentlich teurer verkaufen werde.

Die Kunst als Ware und Material

Das Kunstthema dieser Jahre

Für die späten Bilder von Emil Schumacher sind vor einem Jahr noch 120 000 Mark bezahlt worden. Ein mittleres Format kostete jetzt auf dem Basler Stand der Frankfurter Galerie Herbert Meyer-Ellinger 180 000. Noch knapp vor der "Art", innerhalb von vierzehn Tagen, habe der Schumacher-Grossist Hans Strelow aus Düsseldorf die Preise dreimal erhöht. Auf jeder neuen Messe, rechnet Felix Buchmann aus Basel vor, müsse er seine Preise erst einmal um hundert Prozent nach oben korrigieren. Ein Bild von Gerhard Richter zum Beispiel sollte in seiner Galerie 180 000 kosten. Ein Kollege aus Amerika habe unterdessen ein ähnliches Richter-Bild aus der gleichen Zeit und im gleichen Format für 300 000 Dollar angeboten.

Der Kunstmarkt scheint zum eigentlichen, zum beherrschenden Kunstthema der späten achtziger Jahre geworden zu sein. Spektakuläre Auktionsergebnisse haben längst das Faszinationsniveau von Sportrekorden erreicht. Als kürzlich Pontormos Renaissance-Porträt des etwas debil dreinschauenden Medici-Jünglings für 35,2 Millionen Dollar bei Christie’s in New York versteigert wurde, vermeldete die Herald Tribune den Besitzerwechsel auf der Frontseite mit Bild. Und die Frankfurter Allgemeine Zeitung plaziert seit einiger Zeit eine wöchentliche "Kunstmarkt"-Seite an die Spitze eines wachsenden Inseratenfeldes. Als sei er bei einer Bilanzveranstaltung des Baustoffhandels gewesen, hat der FAZ-Berichterstatter seine Eindrücke von den jüngsten New Yorker Altmeister-Auktionen zusammengefaßt: "Trotz des erhofften Pontormo-Effektes bleibt die alte Marktweisheit, daß sich durchschnittliches oder gar unterdurchschnittliches Material nur schwierig verkauft."

Der Minister als Kunsthändler

Und selbst Ernst Beyeler aus Basel, ein Schöngeist seiner Zunft, für den die Kunstgeschichte nach Claude Monet, Picasso, Max Ernst und Paul Klee getrost hätte enden dürfen, bekennt heute, daß es immer schwieriger werde, "geeignetes Material aufzutreiben". Seinen Prachtstand auf der "Art", wie immer ein Museum des 20. Jahrhunderts, hat er von Markus Lüpertz’ monumentaler Bronze "Standbein-Spielbein" bewachen lassen. Einem 550 000 Schweizer Franken teuren Torso, der mit strammen Waden, urtümlichem Fettsteiß und zerklüfteten Lenden dort ein sinnfälliges Symbol abgab für die unerschütterliche Solidität eines Marktes, auf den immer mehr Großkonzerne ihr wachsames Auge richten. Das Motto des Zigarettenherstellers Philip Morris: "It takes art to make a Company great" hat sich so geschwind herumgesprochen, daß die gut geführte Manager-Agenda mittlerweile auch den Besuch des firmengesponserten Kunstanlasses zu den Pflichtterminen zählt.

Umgekehrt lassen sich die umsatzstarken Kunsthäuser nicht mehr nur von Angehörigen des internationalen Restadels repräsentieren, sondern heuern mehr und mehr gestandene Führungskräfte an. So ist zum Chairman von Christie’s in London der ehemalige britische Verteidigungsminister und Generalsekretär der Nato, Lord Peter Carrington, avanciert. Der wollte sich in einem Gespräch mit der Tageszeitung Die Welt zwar nicht zur Preisgabe seiner intimen Kunstkenntnisse versteigen, aber so viel dann doch aus dem Schatz seiner Erfahrungen verraten: "Religiöse Bilder sprechen zum Beispiel die Japaner nicht sehr an, was verständlich ist, während ihnen die Sonnenblumen von van Gogh gefallen."

Wer wollte da noch zögern, seiner Lordschaft heftig beizupflichten? Geradeso wie ihrer kühnen Skizze, derzufolge man die eminenten Umsatzsteigerungen im wesentlichen den Impressionisten zu danken habe und zur Zeit keine Anzeichen eines Rückgangs zu erkennen seien. Wahrhaftig, wenn man den Kunsthändler Jan Krugier aus Genf sein Messe-Angebot rühmen hört, in dem kaum noch etwas unter einer Million zu haben ist, von Brancusis "Poisson" von 1926 bis zu Picassos großem "tête de femme" von 1941, dann mag man nicht an Rückgang denken. Es gibt freilich auch Galeristen, denen ein Preissteigerungsindex von dreißig Prozent im Jahr allmählich unheimlich vorkommt; die beginnen sich zu wahren gegen die immer hektischere Umschlagsgeschwindigkeit der von der "Ware" zum "Material" herunterfunktionalisierten Kunst. Demonstrativ hat Rosemarie Schwarzwälder aus Wien in ihrem asketisch eingerichteten "Art"-Stand vor ein strenges Imi-Knoebel-Wandstück eine (unverkäufliche) thailändische Buddha-Figur gestellt. Sie soll auf den verlorenen kulturellen Zusammenhang verweisen, für den der Kunstmarkt mit seinen rasant vorgeschobenen Frontlinien keinen Blick mehr hat. Und ihr Kollege van de Loo aus München war nur mit vier Bildern von Asger Jörn nach Basel angereist. Es ist seine letzte Messe gewesen. Der Verschleiß sei nicht mehr zu verantworten, den der heißlaufende Kunstbetrieb der Kunst zumute.

Die Kunst als Ware und Material

Für die jungen Galerien, meint Felix Buchmann, sei die Teilnahme an einer Kunstmesse aber fast existenzentscheidend geworden. Die Preise und mithin den Markt für die Kunst würden fast nur noch die Messen definieren. Wer also an Messen nicht teilnehmen könne oder wolle, sei praktisch vom Markt abgeschnitten. Das erklärt, warum sich die Kunstmessen in jüngster Zeit ebenso vermehren wie die Bewerbungen um Zulassung zu ihnen. Und erklärt auch, warum das alte futterneidische Grollen der Kölner über die Konkurrenz erst in Basel und seit diesem Frühjahr zudem in Frankfurt niemanden mehr fürchterlich zu erschrecken vermag. Es sind in der Tat so viele, die mit guter Aussicht auf Erfolg an der Kunst verdienen wollen, daß die etablierten und neu entstandenen Messen vorerst alle nebeneinander Bestand haben.

Eine ganz "normale" Kunstmesse in Basel. Keine neuen Trends, kein Händlerdruck in die eine oder andere Kunstrichtung. Nicht einmal das neu entdeckte Kunstland Sowjetunion, aus dem doch "geeignetes Material" seit kurzem unaufhaltsam abzufließen scheint, trat auffälliger in Erscheinung. Die Jagdlust der hetzenden Liebhaber und Spekulanten ist so hochwirksam geweckt, daß sie auf alte Beute und neue Opfer nicht erst aufmerksam gemacht zu werden braucht. Und der Börsencrash vom 19. Oktober 1987 hat offenbar die Liquidität der Kunstinvestoren nicht nachhaltig beeinträchtigen können. Ändert sich das demnächst?

Wie sollte es sich ändern? Gegen rapiden Preisverfall ist die Kunst weitgehend immun. Es gab immer mal Kursrückgänge, Angleichungen, aber keinen Kollaps. Und inflationäre Entwicklungen sind schon deshalb nicht vorstellbar, weil Kunst notwendig limitiert ist. Auch bei noch so forcierter Produktivität eines Werks verlieren seine Teile eben nicht ihre attraktive, wertbeständige und wertsteigernde Rarität, um derentwillen Bietgefechte geliefert und Termingeschäfte abgeschlossen werden. Und so wird sich der Kunsthändler Mayer auch fürderhin auf der Basler "Art"-Kunstmesse mit der Bockwurst in der Senfpfütze abzufinden haben und sich dabei scharf überlegen müssen, was er denn nun schon wieder an die leergeräumte Stelle seiner Kojenwand hängen soll.